Schmerling ff. Der greife Staatsmann und unser Ehrenbürger Anton Ritter von Schmerling ist, wie uns eine Drahtnachricht meldet, gestern um 2 Uhr Nachmittag gestorben. Ritter v. Schmerling, der sich von seinem längeren Leiden soweit erholt hatte, dass bereits au seine demnächstige Uebersiedlung nach Ischl gedcht wurde, erkrankte vorige Woche neuerlich. Am vorletzten Sonntag sollte er mit seiner Tochter, der Baronin Rosonczh, die ihn seit Jahren treu behütet, die erste Ausfahrt machen, doch fühlte er sich zu schwach und kehrte an der Thüre wieder um. Montag trat leichtes Fieber auf, das jedoch stetig zunahm und Hofrath Prof. Nothnagel constatierte eine Jnfluenza - Lungenentzünoung. Sein Zustand wurde bald als hoffnungslos bezeichnet. Gestern Nachmittag erlöste der Tod den Kranken, dessen rechte Hand infolge wiederholter Schlaganfälle schon ganz gelähmt war, von seinem Leiden. Die Leiche wird morgen in Wien beerdigt werden. Anton R. v. Schmerling stand im 88. Lebensjahre. Er war am 23. August 1805 in Wien geboren, machte daselbst seine juridischen Studien und trat 1829 zunächst als Auscultant beim Landgerichte Wien in den Staatsdienst. Als Gegner des Metternich ' schen Systems in die Bewegung der Märztage des Jahres 1848 eingreifend, wurde er von der österr. Regierung nach Frankfurt gesandt, um dort als ihr Vertrauensmann (seit 9. April 1848) den Berathungen über einen deutschen Verfassungsentwurf beizuwohnen; in dieser Stellung übte er einen nicht unbedeutenden Einfluss. Seine Richtung war unitarisch, wobei er auf Oesterreichs Hegemonie hinzielte. In den letzten Wochen des im Juni aufgelösten Bundestages führte er das Präsidium desselben. Von Tulln als Abgeordneter in die Reichsversammlung gewählt, nahm er auch hier als Verfechter der constitutionellen Monarchie eine einflussreiche Stellung ein. Als Erzherzog Johann zum Reichsverweser erwählt wurde, ernannte ihn derselbe zum Reichsminister zuerst des Innern und dann auch des Aeußern. Am 15. Dee. 1848 legte Schmerling, als bei vielen seiner bisherigen Freunde die Richtung « uf die preußische Hegemonie immer offener hervortrat, sein Ministerium nieder und begab sich nach Wien. Von der österr. Regierung dann mit der Stelle eines Bevollmächtigten bei der Centralgewalt, d. h. mit der Leitung der österr. Interessen in Frankfurt betraut, arbeitete er nun als Führer der Oesterreicher in der Nationalversammlung und als einer der thätigsten Organisatoren der großdeutschen Partei eifrig einem preußischen Kaiserthum entgegen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 24. Mai 1893, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5685-tod-unseres-ehrenbuerger-anton-ritters-von-schmerling-1893).
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