Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
HOFER IN DREISSIG GESÄNGEN

Zwei neue literarische Werke zum Andenken an Andreas Hofer

Literarische Rundschau. Von Dr. Ambros Mayr. IX. Andreas Hofer - Literatur. Johann Friedrich Baur: Andreas Hofer oder der Befreiungskampf Tirols am 13. August im Jahre ä 809 am Berg Jsel. In dreißig Gesängen. Innsbruck, Selbstverlag des Verfassers 1893. Jos. Kerausch - Heimfelsen: Andreas Hofer. Zeitbild aus den Tiroler Befreiungskämpfen in vier Acten. Wien, Buchhandlung L Rosner; Leipzig, Literarische Anstalt August Schulze. 1893. So gern der Tiroler immer und immer wieder von seinem Andreas Hofer singen und sagen hört, so willkommen wir ein Gebilde der Dichtkunst heißen möchten, welches diese „ edelste Verkörperung der tirolischen Volksseele " in neuer Ausgestaltung vor unser Auge führt: so schwer wird dem Berichterstatter seine Aufgabe, wenn er von unserer jüngsten Hofer - Literatur bloß sagen kann, sie sei gui gemeint. Das alte Wort aber: in magnis et voluisse sat est, enthält eine so karge Anerkennung. dass sie weder den Autor noch den Kri tiker zufriedenstellen kann. Diesem jedoch rft gleich jenem die Wahrheit eine heilige Pflicht, und ihr muss er fern von schwächlicher Rücksicht treu bleiben. Wir haben es diesmal mit einem epischen und einem dramatischen Versuche zu thun, von denen jeder der Verherrlichung unseres Volkshelden dienen will. Der Verfasser der aus dreißig Abschnitten bestehenden Epopöe ist ein hochbejahrter, ehrwürdiger und verdienstvoller Priester; der Schöpfer des Andreas Hofer - Festspiels ein jugendfrischer Sohn des Mars, der zu wiederholten malen als gewandter Erzähler und auch als lyrischer Dichter vortheilhaft austrat. Dies Mal war weder der eine noch der andere so glücklich, das schöne Ziel, welchem die Mühe einer langen Arbeit galt, zu erreichen. Dem Epiker gebricht es an Gestaltungskraft, am sicheren Blicke für das allein dichterisch Wirkungsvolle, am rechten Gefühl für das menschlich Große und Schöne Der löblich? Ester des geistlichen Herrn tritt dem Schaffen des Dichters allenthalben hinderlich, wenn nicht gar feindselig in den Weg. Er macht ihn engherzig in der Auffassung einer weltgeschichtlichen Begebenheit, er benimmt ihm selbst die Fähigkeit, die historischen Vorgänge anders als vollendet sachgemäß darzustellen. Der Gang der Handlungen har etwas Mattes, Schleppendes, Greisenhaftes; überall jenes schreckliche Ding, das man „ epische Breite " benannt hat. Sein Held ist nicht jene Verkörperung, von der unerreichbar treffend der Mund des Monarchen sprach, sondern die Verkörperung eines ganz alltäglichen, recht frommen und recht redseligen Bauers von irgendwo.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 29. Dezember 1893, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5749-zwei-neue-literarische-werke-zum-andenken-an-andreas-hofer-1893).

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