Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
DOMANIG & LECHLEITNER IM LITERATURSPRECH

Lob für Karl Domanigs neue Erzählungen mit tirolischem Charakter

Die Bahn entspricht allen Erwartungen. Literarische Rundschau. Von Dr > Ambros Mayr. Erzählung, Novelle » Lyrik. Karl Domanig: Kleine Erzählungen. Mit Zeichnungen von Philipp Schumacher. Innsbruck, Wagner ' sche Universitätsbuchhandlung 1893. Franz Lechleitner: Wartburg - Novellen. Wolfenbüttel, Verlag von Julius Zwißler. Derselbe: Tiroler Walvrast Ein Liederbuch. Im gleichen Verlage, 1893. Zur aufrichtigen Freude gereicht es mir, mich neuerdings über eine literarische Gabe Domanigs auszusprechen. Ist doch der Name dieses feinfühligen, vornehm gearteten Dichters im ganzen Lande geschätzt und jedes seiner Werke ein willkommener Anlass zu ästhetischen Erwägungen. Und diesen Anlass begrüßen wir stets um so lieber, weil Karl Domanig keineswegs zu denen gehört, welche mit verblüffender Raschheit die Feder führen und voll ungestümmen Eifers ihr Flügelross zuschanden reiten. Domanig mag vielmehr gar manchem seiner Freunde zu langsam schaffen, keinem aber wird ein Recht bleiben zu leugnen, dass alles, was er der Oeffentlichkeit überantwortet, tief gedacht, schön gerundet, bis ins Kleinste sauber und fein gearbeitet ist. Ihm liegt der Ehrgeiz völlig fern, Aussehen erregen, Ueberraschungen bieten, nach der flüchtigen Gloriole des Tages Haschen zu wollen. Wohl entlässt er, wie billig, jeves seiner Kinder mit einem väterlichen Segenswunsche, aber um ihr weiteres Schicksal ist ihm, im Vertrauen auf die treffliche Erziehung, so er ihnen gab, nicht allzu bange. Auch die Kritik mag unbekümmert sein: Domanigs Schriften tragen die Gewähr voller Geltung und kräftigen Bestandes in sich selbst. Diesmal bietet un § der Verfasser des „ Abt von Fiecht " kleine Erzählungen dar. Sie sind die lieblichen Früchte wohl genützter freier Stunden und schöne Beweise dafür, wie treu und warm der Erzähler seine Bergheimat liebt, mag er ihr auch ferne weilen. Denn jede dieser kurzen und stillen Geschichten verläuft im Tirolerlande, tirolisch ist Rahmen und Bild. Dieses selbst belebt allenthalben ein zauberhafter poetischer Hauch, dem sich kein Leser von Empfindung wird entziehen können. Und doch ist die Darstellnngsweise Domanigs gerade hier von vollkommen realistischem Gepräge. Er hat seine Stücklein gar nicht erst erfunden, da ihm das Bessere geglückt, nämlich sie zu finden. Ja nicht einmal auf dem Ruhm des Autors will er spröde bestehen und nennt uns gerne den schlichten Gewährsmann. Aber gerade dann, wenn diese äußerlichen Hilfen gegeben sind, tritt die Frage ein, ob der Fund in eine würdige und fähige Hand gerathen ist.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 13. Dezember 1893, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5742-lob-fuer-karl-domanigs-neue-erzaehlungen-mit-tirolischem-charakter-1893).

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