Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
LEHRER ALS TRINKFEIND

Preisgekrönte Schrift über Alkoholmissbrauch und Ermahnung an Lehrer und Weiber

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 4. September 1894 · Seite 6
Wie kann die Schule dem ptv Unsitte gewordenen Missbrauch geistiger Getränke entgegenwirken? Der Reichsrathsabgeordnete von Hartberg in Steiermark, Professor Dr. R. v. Kraus, hat wie schon eine Drahtnachricht am Samstag kurz meldete, mit einer Schrift über den Missbrauch geistiger Getränke unter 95 Bewerbern den ausgeschriebenen Preis von 300 Kr. erlangt. Professor Kraus hatte seiner Schrift die Worte W. E. Gladstones als Motto vorgesetzt: Der Alkohol richtet mehr Verwüstungen an als Krieg, Pest und Hungersnoth. Der Zweck seiner Schrift, sagt er, sei ein aufrichtig ermahnendes Wort, welches er vor allem an die Lehrer richte, die in der Lage sind, den Alkoholismus auf das Wirksamste zu bekämpfen. An der Hand von statistischen Daten weist Abgeordneter Dr. von Kraus nun die Schäden nach, welche die Trunksucht der menschlichen Gesellschaft zufügt; so sind in Niederösterreich unter den Irren, besonders unter den männlichen, 40 Percent Alkoholiker; im Jahre 1876 waren in Deutschland von 33. 000 Häftlingen 13 700 dem Trünke ergeben. In den Jahren 1876 bis 1884 stieg die Zahl der vorsätzlichen Beschädigungen in Raufhändeln infolge der Trunkenheit von 44. 383 auf 63. 287. In Galizien und in der Bukowina wurden imJahre 1889 wegen Trunkenheit 20. 846 Personen verurtheilt. Die Zahl der Verbrechen überhaupt nimmt in Oesterreich ab, die Zahl der m Alkoholrausch begangenen wächst aber, denn die Zahl der Trinker nimmt zu. Ist ja der tüchtige Zecher auf der Hochschule und auf der bürgerlichen Bierbank mit dem Glorienschein einer „Leistung " umgeben. In dem zunehmenden Alkoholismus findet der Verfasser mit eine der Ursachen einer immer naturalistischeren Ausgestaltung unserer Kunst. Zur Frage der Bekämpfung der Trunksucht übergehend, meint der Verfasser, man müsse sich vor allem an den Einfluss des Weibes als Lebensgefährtin und Mutter wenden; er citiert das Beispiel Englands, wo 1,132. 608 Frauen mit ihren Namensunterschriften um die Sperrung der Wirtshäuser am Sonntag petitionierten, das Beispiel Amerikas, wo es Fraueneinfluss durchgesetzt hat, dass in den Schulen das Volk über die Schädlichkeit des Alkohols belehrt wird. Die Schaffung von Wohnhäusern für Arbeiter und die Verbesserung ihrer materiellen Lage müssen ins Auge gefasst werden. Die Alkoholversuchung wächst mit der Geringwertigkeit, Geschmacklosigkeit und Eintönigkeit der Nahrung; daher ist die Einführung eines hauswirtschaftlichen Unterrichts in Mädchenschulen, wje sie in einigen Städten
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 4. September 1894, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5807-preisgekroente-schrift-ueber-alkoholmissbrauch-und-ermahnung-an-1894).

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