Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VON HEIDNISCHEN WÄLDERN ZUM WEIHNACHTSBAUM

Zur Entwickelung der Weihnachtsbräuche und der Bescherung der Kinder

5 Einiges über Weihnachten und den Mrihnachtsbanm. Unsere Volksbräuche sind zumeist das letzte Stadium einer langen, bis in die graue Vorzeit reichenden Entwickelung. Auch bezüglich der an unser Weihnachtsfest sich knüpfenden Gebräuche gilt dies. Die segnenden, huldspendenden Gestalten, welche noch jetzt durch die langen Winternächte ziehen, sind leicht erkennbare urgermanischc Lichtgestalten, die aus Walhall herniederstiegen und in unscheinbarer Gestalt und unkenntlicher Vermummung Einkehr hielten in Haus und Hof und allerlei Zeichen ihrer Gnade oder auch ihres Zornes und der verdienten Strafe hinterließen wie z. 33 den spinnfaulen Dirnen mit einer Pflugschar den Leib aufzuschneiden, ihn mit Häcksel zu füllen und mit einer Wagenkette wieder zuzunühen. Wie jene Gestalten auf die alten Zeiten des Germanentums zurückw isen, so auch gar manche unserer Weihnachtsglbräuche. Aber vieles ist doch auch weit jünger, als man glauben möchte, wenigstens in der jetzt üblichen Form. Auf Grund mühevoller weitläufiger Studien hat Alexander Tille in einem gar nicht kleinen Buche „ Geschichte der j deutschen Weihnacht " versucht, die verschiedenen j Seiten dieses Festes kulturgeschichtlich zu beleuch j ten. Den Ausführungen desselben folgen wir im Nachstehenden. Es ist zwar nicht unbestritten, aber es wird ziemlich allgemein angenommen, dass das erste Geburtsfest Jesu am 25. D. cember 354 gefeiert wurde und zwar in der alten Hauptstadt des römischen Weltreiches. Für Deutschland wurde es im Jahre 813 durch die Synode von Mainz angeordnet Aber erst zwei Jahrhunderte später erscheint das Fest unter dem Namen Weihnacht. Um das Jahr 1400 wird berichtet, es sei Brauch, dass die Leute am Abend der Geburt Jesu sich wechselseitig einen „ Christabend " senden und zwar etwas Angenehmes, Wohlschmeckendes, Süßduftendes. Aus dem Jahre 1568 stammt die erste Nachricht von der Beschcnkung der Kinder. Anfangs wurden die Geschenke in ein Bündel zusammengebunden und ein Zweig beigefügt: das waren die „ Christbürden " mit der „ Christruthe ". Bei einem Weihnachtsfeste im Jahre 1571 fanden, wie ein sächsischer Pfarrer erzählt, die Kinder in ihren Bündeln gemeiniglich fünferlei: 1. Geld, 2. „ genüßliche Dinge " als Christstollen, Confect, Aepfel, Nüsse; 3. „ ergötzliche und zu Freuden gehörige Dinge " wie Puppen u. dgl.; 4. „ nöthige und zur Bekleidung und Zier des Lebens dienstliche Dinge "; 5. „ was zur Lehre, zum Gehorsam, Zucht und Disciplin gehört, die Schulsachen ", als L tz - OTäflein, Gesang und Gebetbücher und Schreibzeug. Hundert Jahre später werden den Kindern schon Büchlein beschert, „dass sie damit spielen oder sie zerreißen sollen. So und anders nicht, meinet das junge, unmündige Volk. " Zu Anfang des 18. Jahrh wird vorgeschlagen, bei den Geschenken für die Jugend an die Oekvnomie zu denken. Anstatt von Spielwerken, die oft pretious sind und keinen Nutzen schaffen, sollen Eltern ihren Kindern Modelle von Gebäuden, Scheunen. Bräuhäusern re. verfertigen lassen, oder die Instrumente und Werkzeuge, die man beim Ackerbau, der Gärtnerei, Fischerei rc. braucht, alles in verjüngt m Maßstab, > da sich denn von Kindesbeinen an von einem, der sich die Geduld gäbe, mit ihnen gleichsam zu spielen, zur Oekvnomie geleitet werden könnten. Aus einer 1737 verfassten, schwergelehrren Habilitationsschrift: „ Von heil. Christgeschenken " erfährt man, dass zu jener Zeit die Geschenke nicht mehr in Bündel gebunden, sondern auf Tischen in der Stube ausgelegt wurden. So entstand die Bescherung mit der Ausstellung im Lichterglanz. Später als man gemeiniglich glaubt und behauptet wird, ist die Tanne zum Weihnachtsbaum erhoben worden. Von diesem Tannenbaum, der heute abends allenthalben auf dem Erdenrund in seinem Lichterglanz erstrahlen wird, ist schon viel gesungen und gesagt worden. Wie er zu seiner hohen Bedeutung kam, das hat man noch
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 24. Dezember 1894, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5845-zur-entwickelung-der-weihnachtsbraeuche-und-der-bescherung-der-1894).

Weitere Berichte aus der Rubrik „Vereinsleben, Feste & Brauchtum“

✎ Korrektur-Modus Klicke in jede Überschrift oder Transkriptions-Zeile (Enter = nächste Zeile, Shift+Enter = Zeile teilen)
Gesammelt: 0 Artikel |