Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
KÄLTELABOR MIT LEBENDEN PROBEN

Erforschung der Widerstandsfähigkeit von Lebewesen gegen extreme Kälte

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 20. August 1895 · Seite 7
Bong & Co., Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pf.) und benutzen zugleich diese Gelegenheit, um auf die Fülle von Unterhaltungsstoff, die spannenden Romane, Novellen und belehrenden Artikel, die auf künstlerischen farbigen und schwarz gedruckten Illustrationen und herrlicken Kunstbeilagen n „ Für Alle Welt " empfehlend hinznweisen. stellt seit einer Reihe von Jahren hochinteressante Experimente an verschiedenen Lebewesen: Säugethieren, Vögeln, Fröschen, Schlangen, Jnsecten, Infusorien, Mikroben u. s. w. an, die in den meisten Fällen eine außerordentliche, bisher nicht für möglich gehaltene Widerstandsfähigkeit dieser Thiere gegen niedere Temperaturen ergeben haben Die Versuchstiere wurden in den „ Kälteschacht" getaucht, einen Behälter, der mit kälteerzeugenden Mischungen umgeben ist. durch welche seine Lufttemperatur bis auf 150, ja 200 ° C. unter Null erniedrigt werden kann. Der Experimentator beobachtete und verzeichnete nun genau die Veränderungen im Pulsschlag, der Athmung, dem Stoffwechsel, dem Rückgang der Eigenwärme bis zum Eintritt der vollständigen Erstarrung. Schließlich setzte er auch seinen eigenen Körper mit Ausnahme der Einathmungsorgane der Einwirkung starker Kältegrade aus und stellte auch an sich selber eine erhebliche Widerstandskraft gegen die Anfälle des grimmen Riesen Frost fest Er musste sich nur davor hüten, die Metallwandungen des Behälters, sobald sie unter — 80 ° abgekühlt waren, mit irgend einem Körpertheil zu berühren, da sie in diesem Fall bösartige Frostwunden verursachten, die sehr schwer heilten. Bei schwächeren Verletzungen Pflegt in 5 bis 6 Tagen Heilung einzutreten, bei stärkeren dagegen, wenn alkoholische oder ätherische Kältemischungen, flüssige atmosphärische Luft auf einen Körpertheil kommen, stirbt die betroffene Fläche sofort ab und die Gewebe bilden sich nicht neu. Eine durch einen einzigen Tropfen flüssiger Lust hervorgebrachte Brandwunde erforderte bei Herrn Pictet volle 6 Monate bis zur Heilung. Unter diesen Versuchen, von denen eine große Zahl in Gemeinschaft mit anderen hervorragenden Forschern, u. a. Casimir de Landolle, Ed. Sarasin, E. Jung, Du Bois Reymond, Bertin, Susani vorgenommen wurde, war der mit einem kleinen Hund von ca. 8 ° 5 Kilogramm Gewicht angestellte am lehrreichsten. Das Thier wird in den Kälteschacht bei — 92° eingesührt. Sofort tritt eine scharfe Reaction des Körpers ein, das Thier athmet 12 — 13 Minuten lang schneller, das Thermometer in der Achselhöhle steigt um y 2 ° und sinkt erst nach etwa 25 Minuten wieder auf den Ausgangspunkt. Der Hund frisst jetzt mit Begierde Brot — das er vorher verweigert hatte — der Körper zeigt also das starke Bedürfnis, durch den Verdauungsprocess neue Eigenwärme zu erzeugen. Erst nach etwa weiteren 40 Minuten beginnen die Glieder zu erkalten, während die Körpertemperatur sich noch eine Stunde lang constant erhält. In diesem
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 20. August 1895, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5937-erforschung-der-widerstandsfaehigkeit-von-lebewesen-gegen-extreme-1895).

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