Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VON DER JOPPE ZUM FÜGNERHUT

Bemühungen um Erhaltung der tirolischen Volkstrachten und Enttäuschung über Landtag

Joppe, der Rock. Die Hüte zeigen hauptsächlich zwei Formen, entweder niedrig rund mit sehr breiten Krempen, oder hoch und spitz in den mannigfachsten Variationen vom hohen, elegant geschweiften Spitzhut im östlichen Pusterthal bis zu dem bekannten „ Fügner - Hut ", wie er im Zillerthal und von fast allen den reisenden Tiroler National - Sängern getragen wird. Ausnahmen von den erwähnten zwei Hauptformen bilden u. a. ( für die weibliche Tracht) der schmucke Unterinnthalerhnl und die koketten, schwarzen Hütchen der Ampezzanerinnen. Die größte Verschiedenheit in Formen und Farben haben die Röcke aufzuweisen; lange Röcke tragen die Lienzer, und womöglich noch längere, aber aus feinstem Tuch, gehören nebst: inem altväterlichen Cyünderhut zum Paraoegewand der Bauern von Rentsch bei Bozen, dagegen erschienen die Leute von Enneberg Buchenstein beim vorjährigen Jubilüums - Festzuge in Innsbruck in gar z kurzen Fräcklein von dunkler Farbe. Zwischen diesen beiden Formen trifft n an sodann Jacken, Röcke und Joppen von verschiedenstem Zuschnitt und größerer oder geringerer Länge und ungemein mannigfach in der Farbe. Bei all ' dieser Abwechslung in Formen und Farben der verschiedenen Costüme sind indes nur die Männertrach en betrücksichtigt und eS kämen dann erst noch die Frauentrachten für sich zu behandeln, wofür aber wohl ein eigenes Cavitel erforderlich wäre. Um die Conservierung der Volkstrachten in unserem Vaterlande haben sich zunächst das Landesmus um m Innsbruck und das Museum in Bozen bemüht, indem daS erstere Bilder und Beschreibungen der alten Costüme in großer Zahl gesammelt hat, während das Bozner Museum in seinen leider viel zu engen Räumen Dutzende von lebensgroßen Holzfiguren, mit den echten Bauerntrachten der verschiedensten Thäler bekleidet zur Aufstellung brachte. Das Hauptverdienst aber um die eigentliche Wiederbelebung, um die neuerliche Einführung der alten Trachten im Volke selbst ist wohl un streitig dem vor etwa vier Jahren gegründeten „Comitä zur Erhaltung der Volkstrachten in Tirol " zuzusch ^ eib n, daS in Innsbruck seinen Sitz hat. Dies s Comitä hat zunächst durch zahlreiche Aufrufe und Belehrungsschriften in Berg und Thal Sinn und Verständnis für die Wiedereinführung der alten Bauerntrachten im Volke zu erwecken verstanden, sodann aber auch durch Subventionierung von Seite des Kaiserhauses und anderer Gönner, durch Veranstaltung eines im Jahre 1894 sehr gelungen verlaufenen Volkstrachte n festes rc. einen Fond geschaffen, aus welchem zahlreiche Musikkapellen und Schützen - Compagnien in Nord und Südtirol, wie auch im Pusterthal zur Anschaffung der alteinheimischen Volkstracht in bedeutendem Maße subventioniert werden konnten. Alljährlich wurden vom Comflp hunderte von Gulden diesem Zwecke gewidmet und dadurch ebendie eingangs erwähnten schönen Resultate erzielt. All rdin; s ist dadurch der angesammelte Fond auch sehr bald vollkommen erschöpft worden, während es bei der nun erst so recht in Fluss gebrachten Bewegung gerade jetzt von Wichtigkeit ist. dass die werkthäige Unterstützung dieser schönen Sache mit gleichem Eifer fortgesetzt werde. Dass dies aber ohne Geldmittel nicht möglich ist, das dürfte wohl jedermann klar sein; eine Sammlung im Lande zu veranstalten, erscheint unthunlich und aussichtslos, nachdem ja die Bevölkerung ohnehin zu Gunsten von Abbrändlern, Kirchenbauten, Denkmal - Errichtungen und der gleichen fortwährend in Anspruch genommen wird, und es muss deshalb um so lebhafter bedauert werden, dass der Tiroler Landtag für den gänzlich erschöpften Volkstrachten - Fond so gar kein Scherflein übrig hatte, und dass man ' letzthin über die Petition des Comit ^ s ohne jede Bemerkung einfach zur Tagesordnung übergieng Allenthalben wird jetzt den Leuten in Berg und Thal von den verschiedensten Seiten die Schönheit ihrer alten Volkstrachten in mannigfacher Weise gepriesen und zum Festhalten am Gewände der Altvordern kräftigst aufgefordert, und so wäre es sicher auch mit Freude begrüßt worden, wenn sich im tirolischen Landtage zu Gunsten dieser patriotischen und auch volkswirtschaftlich nicht bedeutungslosen Zacke irgend eine befürwortende Stimme erhoben hätte.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 19. Februar 1898, S. 9, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6273-bemuehungen-um-erhaltung-der-tirolischen-volkstrachten-und-1898).

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