Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
SPRECHEN WIR ÜBER ALLE

Erklärung des Ministerpräsidenten Graf Thun zur Sprachenfrage im Abgeordnetenhaus

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 28. April 1898 · Seite 5
Burrau.) Erklärung des Ministerpräsidenten bezüglich der Sprachenfrage, Wien, 27. April (Abgeordnetenhaus.) Der Ministerpräsident Graf Thun gab bei der ersten Lesung der in der Sprachenfrage gestellten neun Dringlichkeitsanträge eine Erklärung des Inhaltes ab: Die Regierung wich der eminent wichtigen Sprachenfrage nicht aus, sondern sie verschob die diesbezügliche Stellungnahme auf die gegenwärtige Verhandlung als die beste Gelegenheit hiezu. Redner werde selbstverständlich außer der Spracheufrage auch noch andere Fragen der politischen, durch scharfes Hervortreten des nationalen Momentes gekennzeichneten Situation berühren müssen. Während die nationalen Parteien die Nationalität in den Vordergrund stellen, bilden für die Regierung die nationalen Wünsche nur eitlen Theil ihrer Aufgabe. Die Regierung muss sich das Ganze vor Augen haltend, den geistigen und wirtschaftlichen Bedürfnissen aller Länder und Völker volle Fürsorge zuwenden; bezüglich der sich durch die verschiedenartigen nationalen Bestrebungen ergebenden Reibnngsflächen muss neben der Pflege der eigenen Nationalität auf die Bedürfnisse der anderen Nationalitäten und der Gesammtheit Rücksicht genommen werden. Die Regelung der sprachlichen Verhältnisse sür Oesterreichs Völkcrfamilie bilde im gegenwärtigen Augenblicke den Eckstein nationaler Entwickelung. Während bisher, abgesehen vom Gerichtsverfahren und dem Artikel 19 des Staatsgrundgcsetzes, keine Sprachengesetze bestanden und die Regierungen daran festhielten, die Regelung der Sprachenfrage bilde ein ausschließliches R. ch: der Executive, | entwickelte sich langsam eine Aenderung der Auf- \ fassung; Ministerpräsident Gautsch gab seinen Sprachenverordnungen geradezu einen provisorischen Charakter bis zu deren gesetzlicher Regelung. Redner erklärt frei und offen, dass er beim Antritt der Erbschaft der Gautsch ' schen - Verordnungen dessen Absicht einer
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 28. April 1898, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6296-erklaerung-des-ministerpraesidenten-graf-thun-zur-sprachenfrage-im-1898).

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