Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
RAUCHEN ODER FREI SEIN

Zur Frage des Rauchens und seiner Wirkung im Vergleich zum Alkohol

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 16. Jänner 1899 · Seite 6
1— Rauchen und Nichtrauchen. Von Dr. P. I. Möbius. *) Wenn man fragt, soll man rauchen? so heißt es natürlich: Nein, denn das Rauchen ist auf jeden Fall überflüssig und kann unter Umständen schaden. Wenn man aber fragt, darf man rauchen, so kann unbedenklich ja gesagt werden, da das Rauchen eben nur unter bestimmen Umständen schädlich ist. Tolstoi hat bekanntlich in der Schrift: „ Warum betäuben sich die Menschen? " einen Feldzug eröffnet, um dm Alkohol und den Tabak gleichmäßig zu bekriegen. Dagegen ist aus verschiedenen Gründen Einspruch zu erheben. Erstens ist ein solcher Kampf taktisch zu verurtheilen. Der Angriff muss mit allen Kräften gegen den Alkohol gerichtet werden. Entsagt der Mensch dem Alkohol, oder lässt er wenigstens vom Missbrauche ab, so kann man ihm ruhig die relativ unschädlichen Genussmittel gestatten. Viel leichter wird einer auf einen Genuss verzichten, wenn ihm wenigstens andere Vergnügungen gelassen werden, als wenn er gar zu radical angepackt wird. Es ist aber auch sachlich sehr ungerecht, den Tabak dem Alkohol zur Seite zu stellen. Niemals hat der Tabak den Menschen zu einer tollen Bestie gemacht, zum Verbrecher, zum Schweine, zum erbärmlichen Trottel, niemals hat der Tabak Vermögen und Familienglück zerstört. Wenn ja einer durch Tabak geschädigt wird, so erleidet er nur körperlichen Schaden und er allein ist d < r Geschädigte. Dass. der Tabak betäube, ist v. ,\ gewöhnlichen Sinne des Sprachgebrauches unrichtig, jeder unbefangene Raucher wird den auslachen, der ihm sagt, er sei betäubt, da er sich doch ruhig, heiler und zur Arbeit aufgelegt fühlt. Im wissenschaftlichen Sinne freilich ist die Tabakwirkung eine leichte Narkose. Der Tabak übt einen leise dämpfenden Einfluss aus, man fühlt sich durch ihn beruhigt, man kann seinen Aerger wegrauchen und man zankt sich, wie Bismarck einmal gesagt hat, bei einer Cigarre weniger leicht als ohne sie. Die Tabakivirkung ist verwandt mit der Wirkung des Kaffees, in gewissem Grade auch mit der des Morphiums, das heißt, der Tabak vermindert etwas die seelische Schmerzempfindlichkeit, beeinträchtigt dabei Gedächtnis und Urtheilskraft nicht, löst keine Antriebe zur Bewegung aus, steigert vielmehr das Verlangen nach körperlicher Ruhe. Das Wesen des Alkohols dagegen liegt darin, dass er Gedächtnis und Urtheilskraft vermindert, Gemüthsbewegungen erleichtert, und besonders zu Bewegungen reizt. lieber Schädigungen durch Tabak ist viel gefabelt worden, meist von Nichtrauchern, bei denen die Tendenz zum Verurtheilen offenbar ist. Urtheilen kann nur ein Arzt, der besondere Erfahrungen gesammelt hat.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 16. Jänner 1899, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6375-zur-frage-des-rauchens-und-seiner-wirkung-im-vergleich-zum-alkohol-1899).

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