Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
ERDE MIT EIGENLICHT

Zur Erscheinung des Polarlichtes und der Leuchtkraft der Erde

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 18. Jänner 1899 · Seite 10
Jänner. Das Eigenlicht der Erde. Von Hermann Berdrow. (Nachdruck verboten.) Die beiden Planeten, welche die Sonne in noch engeren Zirkeln umkreisen als die Erde, zeigen zu gewissen Zeiten bekanntlich Phasen wie unser Mond. Dann wird auf der Venus, gerade wie beim Mond, der unbelichtete Theil bisweilen in schwachem Dämmerscheine sichtbar; er erscheint wie von einer Aureole umgeben, und mehrmals hat man sogar ein theilweises Phosphorescieren der Nachtseite wahrgenommen. Am Mercur sind infolge seiner großen Sonnenähe solche Erscheinungen nicht festzustellen. Während die Dämmerhelle des unbeleuchteten Mondviertels von dem reflektierten Sonnenlicht herrührt, das die Erde ihrem Trabanten zusendet, müssen wir bei der Venus einen Rest eigener Leuchtkraft annehmen, eine Vermuthung, welche durch das Vorhandensein ähnlicher Lichtprocesse auf dem Erdball bestätigt wird. Eine Betrachtung dieser letzteren wird uns also einerseits vielleicht Aufschluss über das Eigenlicht der Venus geben und andererseits die Frage beantworten können, ob den Bewohnern anderer Welten, z. B. unsern Nachbarn auf dem Mars, die Erde als ein todter Ball — wie uns der Mond — oder als ein noch mit Spureil des Selbstleuchtens begabter Weltkörper erscheint. Die gewaltigste und lonstanteste Lichtäußerung der Erde bilden ohne Zweifel die Polarlichter. Wenngleich, unserer Lage auf dem Globus und den Routen unserer Entdeckungsreisen entsprechend, bisher zumeist vom Nordlicht die Rede gewesen ist, so lassen die neuesten Durchmusterungen der Schiffsjournale doch keinen Zweifel darüber, dass auch der Südpol nicht selten von der Glorie des Polarlichtes umstrahlt wird, und die nun endlich anbrechende Aera der Südpolarexpeditionen wird vielleicht ergeben, dass die Erscheinung hier ebenso häufig auftritt wie im hohen Norden. Für diesen aber nehmen Nordenskiöld und andere Forscher nach ihm an, dass er in einer gewissen Zone immer von einem leuchtenden Ringe erhellt sei. Dieser Ring, der gewöhnliche, in vollständig ruhigem Lichte strahlende Nordlichtbogen, schwebt etwa 200 km oder höher über dem Erdboden und hat sein Centrum in einem ungefähr durch den magnetischen Pol gezogenen Erdradius. Ein zweiter größerer Ring umschließt ihn in gleicher Ebene concentrisch. Von diesem zweiten gehen die großen und prächtigen, bis zu unseren Breiten und noch weiter hinab sichtbaren Nordlichterscheinungen aus, die Nordlichtstürme, die Strahlenund Draperienlichter. Die Pracht dieser Lichtmassen schildert ein französischer Naturforscher nach seinen Beobachtungen auf
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 18. Jänner 1899, S. 10, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6376-zur-erscheinung-des-polarlichtes-und-der-leuchtkraft-der-erde-1899).

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