Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
GEHALT IM DORF UND NICHT IM ERSTEN KLASS

Wiltener Lehrerschaft bittet um angemessene Pensionierung im Angesicht der Theuerung

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 24. April 1899 · Seite 4
befürworten. Wilten hat nun über 11. 000 Einwohner, und die Zahl der Schulkinder beläuft sich auf 1000; die nächste Nachbarschaft der Landeshauptstadt macht ihren Einfluss auf Theuerung der Wohnnungsverhältniffe und Lebensmittel empfindlich geltend. Als man nun vor Jahren bei der Ausarbeitung des Landesschulgesetzes für Tirol verschiedene Gehaltsclassen für die Lehrer des Landes aufstellte, ließ man sich im großen und ganzen doch sichtlich von dem Grundsätze leiten, dass Orte mit großer Einwohnerzahl ( und großer Schulkinderzahl) und hohen Lcbensmittelpreisen in eine höhere Gehaltsclasse einzureihen sind. Damals scheint man auf Wilten nicht gedacht zu haben; denn während doch so viele weitaus kleinere Orte mit viel günstigeren Theuerungsverhältnisfen (wie Hall, Schwaz, Kitzbühel, Imst) die erste Gehaltsclasse erreicht haben, steht Wilten in der zweiten, und der vom Gesetze bestimmte Lehrergehalt beträgt 575 fl. jährlich. Da wäre es doch ernstlich an der Zeit den entsprechenden Z 54 des Landesgesetzes den Verhältnissen angemessen umzugestalten. Wer die Lebensbedingungen hier in Wilten kennt und die Anforderungen, welche hier an eine Lehrperson gestellt werden, der wird gewiss diese Bitte der Wiltener Lehrerschaft nicht unbescheiden, sondern selbstverständlich finden. Es ist doch gewiss nicht billig, deswegen, weil Wilten noch als „ Dorf" figuriert, den Lehrern diese schon einmal zurückgewiesene Bitte noch einmal abzuschlagen und sie einfach nach 40 jähriger treuer Dienstleistung dem Hunger preiszugeben. Mit 500 fl. Pension kann ein Lehrer in Wilten nicht leben, nnd er wäre gezwungen, mit seiner Familie hinaus in ein abgelegenes Dörfchen zu ziehen, damit er mit seiner kärglichen Pension als „ Dorfschullehrer von Willen " sein Auskommen finden könnte. Die Frage der Pensionierung einer Lehrperson ist gerade in Wilten acut geworden, und der Landtag wird gewiss der vorgebrachten Bitte willfahren; denn es liegt ja in seinen Plänen, die Härten des Gesetzes zu mildern und künftig den Lehrern ein halbwegs annehmbares Dasein nach treuer Erfüllung ihrer schweren Berufspflichten zu bieten. Andernfalls wäre es für diese einfach unmöglich, in Wilten in den wohlverdienten Ruhestand treten zu können. Hoffentlich wird der Landtag in richtiger Würdigung der bestehenden Verhältnisse der Petiton der Wiltener Lehrerschaft diesmal wohlwollend entgegenkommen und ihr solche Bezüge zuerkenne, welche ihr nach Recht und Gerechtigkeit gebühren.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 24. April 1899, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6411-wiltener-lehrerschaft-bittet-um-angemessene-pensionierung-im-1899).

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