Die Lunge eines Neugeborenen ist rostnroth und vollkommen staubfrei; von dem Momente der Athmung durch die Lungen beginnt aber die Ablagerung von Staub in dieselben, die in der Regel, überwiegend aus Kieselsäure, dem Hauptbestandtheil des Straßenstaubes, besteht. Durch diese Ablagerung verliert aber die Lunge mit den Jahren mehr und mehr ihre Farbe und nimmt einen grauen Farbenton, unterbrochen von helleren und dunkleren Flecken, an. Das ist die sognannte Kiesellunge, mit der wir uns alle Herumschleppen und deren Verstaubung die Ursache der in mittleren und höheren Lebensjahren eintretenden Abnahme der Lungenelasticität und der zunehmenden asthmatischen und emphysematischen Beschwerden ist. Man kann den absoluten Staubgehalt einer Lunge dadurch bestimmen, dass man dieselbe zu Asche verbrennt und die kieselsaurer! Verbindungen, welche dabei unverändert bleiben, von bett anderen Verbrennungsproducten trennt. Man kommt dabei zu dem erstaunlichen Resultat, dass der Kieselstaubgehalt in der Lungenasche von Erwachsenen zwischen 4 und 17 Procent beträgt. Bei Steinmetzen, Steinbrucharbeitern, Steinklopfern u. s. w. steigt dieser Procentsatz noch bedeutend und variiert zwischen 25 und 64 Procent. Dementsprechend sind auch die Verwüstungen in den Lungen dieser Arbeiter. Allerdings kommt es dabei auch noch ans die Beschaffenheit des Staubes an; während Gips und Marmorstaub noch ziemlich harmlos sind, steigt die Gefährlichkeit beim Granitstaub, beim Sandsieinstaub, Porzellan und E lasstaub, und die Arbeiter in der französischen und mittelrheinischen Mühlsteinindustrie, in den Porzellanfabriken, in den Glas -, Achat und Diamantschleifereien siechen last durchweg in jungen Jahren an den schwersten Lungenleiden dahin. Ein Gegenstück zur Kiesellunge ist die Kohlenlunge, welche jeder acquiriert, welcher lange den seinen Kohlenstaub einzuathmen hat Natürlich kommen die Arbeiter itt Kohlen - Bergwerken, auf den Eisenbahnen und auf den Kohlenlagerplätzen am häufigsten in diese Lage, aber auch wir anderen athmen den Ruß der Petroleumlampe, und der schlecht verputzten Oefen ein, und daher rühren die oben erwähnten dunklen Flecken aus den Schnittflächen secierter Lungen, welche diesen das Ansehen eines bunten Marmors geben. Früher war unter den Bergwerksarbeitern die Kohlenlunge weit häufiger als jetzt, wo man die an derselben leidenden Arbeiter, sobald die Symptome einen gefährlicheren Charakter annehmen, in einem Nebenbetrieb oder bei Tag beschäftigt und den sehr feinen Kohlenstaub in den Stollen und Abbaustrecken beständig feucht hält, eine Maßregel, die allerdings, wie hier hinzngefügt werden soll, zunächst nicht im Interesse der Gesundheit der Arbeiter ersonnen ist, sondern vor allem die Verhütung von Staubexplosinnen bezweckt. Unter den Schleifern in Eisenwarenfabriken kommt es häufig zur Entstehung der Eisenlunge, welche sich wegen des abgelagerten Eisenoxydes als ziegelroth präsentiert. Wird der mineralische Staub wegen der zahllosen durch denselben in den Lungen hervorgerufenen Verletzungen und durch den Elasticitätsverlust der Lungen gefährlich, so wird es der Zimmerstaub dadurch, dass er mit Milliarden von Bacterien überladen ist. Viele schier unerklärliche Fälle von Milzbrand, Strahlenpilzkrankheit u. s. w., besonders aber von Tuberculosc in Familie!!, welche sich den Luxus der i exquisitesten Reinlichkeit durch bezahlte Kräfte I gönnen können, finden ihre einfache Erklärung! darin, dass der insectiö e Staub mit Teppichm, Thierstllen und anderen Einrichtungsgegenständen in die Wohnung kam und von da den Weg in den Körper der erkrankenden Personen fand. Man muss es daher als geradezu unverantwortlich bezeichnen, dass der moderne Geschmack allen Mahnrufen der Hygiene zum Trotz die Wohnung mit Dingen vollstopft, welche der Einnistung des Staubes direct Vorschub leisten. Schwere, faltenreiche Vorhänge an Fenstern und Thüren, Makartbovq « ets und Fächer mit Bändern und Schleifen, dicke orientalische Teppiche auf den Fußböden und dazu jene zahllosen Nippsachen, damit das Nestchen nur ja den Eindruck des Behaglichen und Molligen macht, sind Staubfänger ersten Ranges, in welchen sich nur zu oft die Geister der Krankheit und deS Todes
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 6. September 1899, S. 11, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6492-ursachen-und-wirkungen-der-staubablagerung-in-den-lungen-durch-1899).
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