Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
BAUER, BÖSE UND BERÜHMT

Besprechung des Dramas „Michael Gaißmayr“ durch den Kritiker Hermann Bahr

Literatur. In der letzten Nummer der „ Zeit " bringt Herm. Bahr, einer der bedeutendsten Kritiker Oesterreichs, eine Besprechung über KranewitterS „Michael Gaißm ayr," der soeben bei Fischer in Berlin erschienen ist. Nach einigen einleitenden Sätzen über die neuere Literatur in Wien und den österreichischen Provinzen überhaupt fährt er fort: „Wie das große Ringen der Menschheit um eine künstlerische Existenz nach und nach in unsere Provinzen gedrungen ist und die Jünglinge dort sich auf ihre eigene Weise auszudrücken nun immer mächtiger verlangt, ist hier schon von Jenny und Greinz geschildert worden. Damals hat Jenny auch von Franz Kranewitter gesprochen, sein „Um Haus und Hof " mit dem „ Fuhrmann Herrschet " vergleichend. In der Thal hat dies finstere Stück die Kraft, seinen Fall aus dem Persönlichen, das einmal geschehen ist, ins Allgemeine, dar jeden bedroht, zu heben. An seinem Beispiel lässt er unS das Verruchte des Weibes fühlen; seine Bäuerin streckt sich so grandios aus, dass sie am Ende gar keine Person mehr, sondern wie der böse Instinkt selbst ist, der, den Sinn bethörend, die Thaten verheert. Mit einer wilden Ruhe, die man fast antik nennen möchte, wird gezeigt, wie klein der Mensch gegen seine Leidenschaften ist. Der „ Michael Gaißmayr " spielt um 1525, als zum ersten Mal Tiroler Bürger u. Bauern gegen den Adel und die Geistlichkeit aufstanden, um sich frei zu machen, aber uneinig wurden und erlagen. Wie durch die Noth jder Einzelne außer sich geräth, rein Einzelner zu sein aufhört und sich der allgemeinen Leldenschaft hingibt, aber nach der Gefahr sich sogleich wieder auf sich selbst besinnt, das Ganze vergisst und untreu wird, ist das Thema. Niemals ist in unsern Tagen hinreißender geschildert worden, wie durch die Noth die Masse zum Volk wird, aus den Leiden u. Entwürdigungen der Einzelnen das Pathos einer allgemeinen Gesinnung entströmt und die Vielen,
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 21. Juni 1899, S. 12, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6447-besprechung-des-dramas-michael-gaissmayr-durch-den-kritiker-hermann-1899).

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