Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VERSAMMLUNG IM GLÜHENEN KLIMAZUG

Große politische Versammlung in der Ausstellungshalle mit tausendfältiger Theilnahme

Oesterreich - Ungarn. In der Ausstellungshalle hier hat gestern die angekündigte Pro 1 estversammlung stattgefunden. Trotz der schier unerträglichen Hitze, welche dort herrschte, war sie sehr besucht. Deutschfortschrittliche, Deutschnationale und Socialdemokraten, erstere mit schwarz roth goldnen Abzeichen und Kornblumen, letztere mit rothen Nelken im Knopfloch, waren in großer Zahl erschienen. Auch von Auswärts waren Vertretungen da. Einige schätzt, n die Zahl der Theilnehmer auf über 4000. Hinter und in der Nähe der Halle waren ungefähr 40 Mann Gendarmerie unter einem Lieutenant vertheilt. Die Versammlung wurde vom Einberufer, Vicebürgermeister Dr. Erler, eröffnet, der auch zum ersten Vorsitzenden gewählt wurde, während die Stelle des 2. Vorsitzenden an Flöckinger ( Socioldemokrat) fiel. Dr. Erler ergriff zum 1. Punkt der Tagesordnung „ über die jüngsten cleriealen Demonstrationen " das Wort. Er besprach den Verlauf der Ereignisse seit der heurigen Sonnwendfeier, widerlegte die von elericaler Seite gemachten Anschuldigungen, beleuchtete das Hereinziehen der Landbevölkerung in die Agitation, wies auf das ganz gegen das Versammlungsgesetz verstoßende Erscheinen mit Waffen hin, wandte sich dann gegen den Redacteur der „ N. T. St. ", Dr. Jehly. erläuterte seinen früheren Ausspruch „ Wo Rom herrscht, da ist kein Platz für das Deutschthum " dahin, dass dü s heißt, wo der Clericalismus herrscht, welcher der größte gemeinsame Feind sei, und beantragte am Schluffe seiner wiederholt durch stürmische Rufe der Zustimmung unterbrochenen Rede eine Resolution, welche nach einer kurzen Rede Prachenskys (Socialdemokrat) gegen die Christlichsocialen und den Clericalismus einstimmig angenommen wurde. Am Schluffe dieser gegen das Vorgehen der Cleriealen gerichteten Resolution heißt eS: Die Versammlung kann die frivole Herausforderung einer Gefahr, wie sie in dem Aufgebot bewaffneten Landvolkes zur Stadt gelegen ist, nicht genug brandmarken. Sie erblickt darin nicht nur eine strafwürdige Gesährdung des Friedens zwischen S. adt und Land sondern auch der beiderseitigen wirtschaftlichen Verhältnisse. Die Versammlung versichert, gegenüber all den cleriealen Demonstrationen noch fester als bisher zusammenzustehen gegen alles, was die Reaction wider Voik und Freiheit ersinnen mag. Ueber den zweiten Punkt der Tagesordnung, gegen den Ausgleich mit Hilfe des § 14 und die Zuckersteuer, sprach sehr sachlich, klar und wirksam der Redacteur des „ Tir.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 7. August 1899, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6478-grosse-politische-versammlung-in-der-ausstellungshalle-mit-1899).

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