Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
WASSER ZUR TÜR REIN – ABER KEIN WEG ZUR TÜR RAUS

Nothwendigkeit einer neuen Canalisation in Innsbruck auf Grund der ungenügenden Entwässerung

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 5. Oktober 1899 · Seite 10
der Stadt Innsbruck. (Von Stadtbaurath Ingenieur F r a n z T o ch t e r m a n n.) Die rasche Zunahme der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten hat in den meisten Städten das Bestreben wachgerufen, den durch das enge Zusammenwohnen von vielen Menschen auf verhältnismäßig beschränktem Raume entstehenden sanitären Uebelständen wirksam entgegenzutreten und die gesundheitlichen Verhältnisse thunlichst zu verbessern. Dies äußert sich nicht nur aus allen Gebieten der Bautechnik, in der Anlage und Reinhaltung der Straßen, bei der Bauart uud Einrichtuug der Gebäude selbst, in der Schaffung strenger Vorschriften in baupolizeilicher Beziehung, sondern vor allem auch in dem Bestreben der Zuführung von gutem und genügendem Wasser und damit in Verbindung der möglichst unschädlichen Abführung der Abwasser durch Anlage einer zweckmäßigen, einheitlichen und umfassenden Canalisation. Die wohlthätige Wirkung, welche die reichliche Zutheilung reinen Wassers als Mittel zur Beförderung der Reinlichkeit und damit in unmittelbarstem Zusammenhänge der Gesundheit der Bevölkerung besitzt, kann erst dann zur vollen Geltung gelangen, wenn die Gelegenheit geboten ist, das reichlich zugeführte und gebrauchte Wasser schnell und in zweckmäßiger Weise abzuführen. Die Stadt Innsbruck besitzt eine Trinkwasserleitung, welche es ermöglicht, allen modernen, an eine Wasserleitung zu stellenden Anforderungen im vollsten Maße gerecht zu werden. Hingegen fehlt es durchaus an genügender Einrichtung, um das verbrauchte, in reichlichem Maße zur Verfügung stehende Wasser auch zweckentsprechend zur Ableitung bringen zn können. Die derzeitige Entwässerung der Stadt Innsbruck erfolgt durch ein System von ziemlich regellosen Abzügen, sog. Ritschen, nach dem zunächst gelegenen Rezipienten, d. i. in den Inn beziehungsweise Sillfluss. Ein großer Theil dieser Ritschen, so namentlich in den älteren Stadttheilen. rührt noch von offenen Gräben und Rinnen her, welche seiner Zeit diese Stadttheile durchzogen und nicht nur zur Abfuhr der Schmutzund Regenwasser, sondern auch zur Wasserentnahme für den öffentlichen und häuslichen Bedarf an Nutzwaffer dienten und welche später, als durch Zunahme der Bevölkerung und Vergrößerung der Stadt die offene Ableitung besonders für den Verkehr sehr lästig geworden war, überdeckt wurden. Dass diese Canäle, welche ohne jeden systematischen Zusammerhang, nur nach dem jeweiligen Bedürfnis hergestellt wurden, vermöge ihrer Anlage, namentlich wegen ihrer geringen Tiefenlage, des äußerst unregelmäßigen Längenprofiles, des zumeist mangelhaften Querschnittes und der Art und Weise der Ausführung absolut nicht geeignet sind, nur halbwegs einer genügenden Abfuhr der Regen und Brauchwasser Genüge zu leisten, ist wohl einleuchtend. Dieselben sind überdies in sehr schlechtem Bauzustande, vielfach undicht, so dass bei jedem starken Regen das Wasser aus denselben austritt und die Keller der anstoßenden Häuser inundirt. Außerdem bilden sich wegen des ungeregelten Längenprofiles in diesen Canälen allenthalben Ablagerungen, welche bewirken, dass das umliegende Terrain mit Schmutzwasser geschwängert, der Untergrund stark verunreinigt und die Luft durch die entstandene Ausdünstung geradezu verpestet wird. Zur Ableitung von Fäkalien sind selbstverständlich diese Canäle absolut ungeeignet. Aber auch die in den neuen Stadttheilen angelegten Canäle entsprechen durchaus in keiner Weise den an eine zweckdienliche Canalisation zu stellenden modernen Anforderungen. Wenn dieselben auch für gewöhnlich zur Abführung der Regen und Brauchwässer genügen, so sind dieselben doch — abgesehen von den in der neuesten Zeit hergestellten Betoncanälen — gleichfalls zumeist undicht. Auch j diese Canäle haben vielfach unzureichendes Gefälle, liegen oberflächlich und münden innerhalb des Stadtgebietes in den Rezipienten, so dass auch diese neuen Canäle für die Fäkalabsuhr total ungeeignet sind. Nun ist gerade die Frage der Ableitung der Fäkalien durch die Canäle, abgesehen von allem anderen, eine Frage von größter wirtschaftlicher Bedeutung für die Stadt Innsbruck geworden. Seit dem Bestände der neuen Hochdruckleitung und der stets zunehmenden Einrichtung von Closets mit Wasserspülung
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 5. Oktober 1899, S. 10, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6507-nothwendigkeit-einer-neuen-canalisation-in-innsbruck-auf-grund-der-1899).

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