Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
MÄRCHEN MIT NORNEN UND NACHRICHTEN

Vortrag des neuen Märchendramas „Der Nornengünstling“ im „Pan“

Wcrchrnchten. Der Nornengünstling. Ein dramatisches Märchen von drei Handlungen aus der germanischen Vorzeit von R. Chr. I e n n y. Der uns aus dem Volksstück „ Noth kennt kein Gebot " als dramatischer Dichter, aus den „Fünf Decorierte " als moderner scharf moralisierender Epiker nach: „ Christi Leiden ", Oswald von Wolkenstein " ' „ Heimkehr ", „ Künstlerkneipe ". „Ein Weihnachtsmährlein ", Volksstück in vier Acten, wohlbekannte Dramaturg hat sein neuestes Werk „ Der Nornengünstling " im ersten diessaisonigen Gesellschastsabend des „ Pan " einem engen Kreise von Kunst und Literaturfreunden und Freundinnen vorgetragen, wosm ihn beifälligster Erfolg lohnte. Ob die überaus rasche, leidenschaftlich bewegte Vortragsweise des Dichter- Rhapsoden es den Zuhörern ermöglichte, den Sinn jeder Rolle, die Pointen des Lehrhaften sofort zu erfassen und zu verstehen, lassen wir dahingestellt, denn es ist nicht jedermanns Sache ein uns stofflich wie zeitlich weite, ckrücktes Drama in eiligen zwei Stunden so spielend leicht zu verstehen ohne Denken und Erwägen wie einen Lustigen gedankenlosen Schwank oder ein handgreifliches bäuerliches Volksstück. Nennen wir aber nur Gustav Freitag, Felix Dahn, Georg Ebers, Jules Verne, so stehen wir auch schon inmitten der kulturhistorischen Romane, Welche unL zwei Jahrtausende und mehr zurückversetzen in nordische und fränkische Vorzeit, in Lie Völkerwanderung, nach Altegypten oder natur- Historisch astronomisch belehrend in den Meeresgrund, rund um die Erde uns jagend oder in Lie ausgebrannten Krater des lieben stillm Mon- Les uns tragend. Und denken wir erst an R. Wagners Opern, cm ausstattungsvolle Operetten, Märchenzaubereien Ler modernen Bühne, so darf es uns jaar nicht ^mindern, wenn auch unser Jenny, dessen Hand, so gerne sich als Vrivatsecretär von Märchen-! Prinzen und - Prinzessinnen in Dienst stellt, etwas * weit und tief auslaugt nach dem Stoff seines neuesten Märchendrama: „ Der Nornengünstling. " Man pflegt sonst die Geschichte eines Drama in kurzem Abriss zu skizzieren, wie man das Gerippe eines Romanes bloßlegt, falls er überhaupt einen Knochenbau hat und Leine Molluske ist, und dann noch mehr weniger der ausgeftaltenden Phantasie des Lesers zu überlassen, wir verzichten aber darauf in der sicheren Voraussicht, dass „ Der Nornengünstling " auf den Brettern der Bühne sein tragisches Geschick in schrillem Hohne zu seinem Taufnamen, ereilt, und werden uns freuen, wenn, wie ein wohlmeinender Sprecher des „ Pan " hoffte: es der Literatur Jungtirols auch als Lesedrama einverleibt wird.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 13. Dezember 1899, S. 10, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6537-vortrag-des-neuen-maerchendramas-der-nornenguenstling-im-pan-1899).

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