Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VON DER WÜRDE ZUM HILFEKIND

Zur Würdigkeit armer Familien und der Pflicht der Vereinsunterstützung

da ist nicht die Würdigkeit. Selbstverständlich gehören zu diesem Luxus jene Ausgaben sür Unterhaltungen und Vergnügen, die nicht zu des Lebens Nothwendigkeiten gehören; wir sagen: „zu des Lebens Nothwendigkeiten ", denn auch der Arme hat das Bedürfnis, sich zu erholen und daher auch das Recht dazu, aber wenn man sich Erholungen und Vergnügungen gönnt, die in Rücksicht der Kosten so manche von denen sich nicht erlauben, aus deren Händen das Geld in die Vereinscaffa klingelt, so sind das jedenfalls übertriebene Ansprüche und Bedürfnisse und das Almosen wäre hier nicht am Platze. Freilich lässt sich eine genaue Controls diesbezüglich nicht führen und wird der Armenpfleger vielleicht nur zufällig davon Kenntnis erhalten. Anschließend an diese Ausführungen über die „Innsbrucker Nachrichten" Würdigkeit möchten wir noch 2 Fragen anfwerfen: 1. Wie steht es mit der Würdigkeit einer armen Familie, in der die Mutter brav, fleißig und sparsam, der Vater aber minderwertig, vielleicht trunk -, spielsüchtig ist oder andere Untugenden an sich hat? Wir glauben das Urtheil aller vernünftig und billig Denkenden auf unserer Seite zu haben, wenn wir die Ansicht aussprechen, dass eine solche Familie Vereinsunterstützung verdient, allerdings nicht in Rücksicht auf die Untugenden des Vaters, wohl aber auf die Tugenden der Mutter und die Bedürfnisse der an den Fehlern des Vaters ganz unschuldigen Kinder. Die zweite Frage lautet: Verdienen ledige Personen, sei es dann männlichen oder weiblichen Geschlechtes, sofern sie brav und arbeitsam, aber durch Krankheit oder anderes Missgeschick in eine arge Nothlage gekommen sind, vielleicht weniger Unterstützung als so manche Verheiratete, die nur durch leichtsinniges Hineinrennen in das eheliche Joch sich selbst und ihre Familie in Noth und Elend gestürzt? Wir sagen entschieden: „ Solche Personen verdienen jedenfalls ebensoviel Berücksichtigung wie die mit ihnen oben verglichenen. " Wenn wir nun die Abhandlung über diesen Gegenstand schließen, fügen wir die Bemerkung bei, dass wir die Thätigkeit der in Rede stehenden Vereine in ihrer idealsten Auffassung gezeichnet und damit wohl auch ein Streiflicht geworfen haben über die schwere und verantwortungsvolle Aufgabe eines Vincenzbruders, einer Elisabethschwester. Nun, Theoretik ist leichter als Praktik, und so wird denn manchmal auch ein eifriges und umsichtiges Vereinsmitglied sich überzeugen müssen, sich geirrt zu haben, sei es im Urtheil betreffs der Dürftigkeit oder aber der Würdigkeit; es ist das sogar in einzelnen Fällen menschlicherweise fast unvermeidlich, denn die Raffiniertheit mancher Leute im Schwindeln und Betrügen geht zu weit, als dass ein wahrhaft Ehrlicher darauf gefasst sein könnte. Möge diese Abhandlung etwas dazu beitragen, die Mitglieder der Vincenz und Elisabethvereine mit neuem Eifer und neuer Begeisterung zu entflammen für ihre so schöne, hohe Aufgabe im Dienste der edlen Charitas, dieser hehren Himmelstochter, damit deren Segnungen immer weiter und großartiger sich verbreiten mögen!
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 8. März 1901, S. 11, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6746-zur-wuerdigkeit-armer-familien-und-der-pflicht-der-1901).

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