Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
ROSENKRANZ IM HEIMARBEITSREGAL

Bericht über die Heimarbeit in Tirol und Vorarlberg mit Fokus auf das Rosenkranzketteln in Mieming und Rietz

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 31. Dezember 1901 · Seite 18
Heimarbeit in Tirol und Vorarlberg. SoBe « ist der 3. Band des Berichte der Ge- Werbe - Jnspectoren über d e Heimarbeit Ln Oesterreich erschienen. Der 1. Band behandelte die Heim- «he,t L « Böhmen, der weite jene in Mähren, Schlesien, Galizien und der Bukowina, der 3 ^ in einer Reihe wertvoller Monographien die der übrigen Länder unserer Reichshälfte, also auch die Heimarbeit in Tirol und Vorarlberg. Gewerbeßnspector Edgar Astolft leitet diesen Theil mit einer allgemeinen Erörterung ein. E dürste in Oesterreich kein Krvnland geben, dessen allgemeine Verhältnisse mehr darnach angethan sind, die Bewohner Ln das Geleise der heimatindustriellen Thatigkeit zu lenken wie Tirol. Im allgemeinen besteht kein gewerberechtliches Verhältnis zwischen Heimarbeiter Md Abnehmer, weshalb der Heimarbeiter in Tiro! mrd Vorarlberg weder in einem Arbeiterverzeich- Nisse erscheint, noch von ihm je das Arbeitsbuch Verlangt wird. Der Kranken und Unfall- Versicherung ist in ganz Tirol nicht ein einst ge r Heimarbeiter theilhastig. Einer gewerblichen Genossenschaft gehören in ganz Tirol weder Unternehmer, welche Heimarbeiter beschäftigen, noch letztere an. Das Lehrlingswesen ist mit äußerst geringen Ausnahmen in keiner Weise geregelt Im großen und ganzen ist die qesammte Mimindustrie Tirols im Rückgang begriffen. Der Bericht constatiert u. a. auch, dass manche Artikel, hie allgemein als Tiroler Heimindustrieproducte gelten, ja sich als solche eines nicht unbedeutenden Rufes erfreuen, nirgends in Tirol erzeugt werden. In 19 Artikeln werden dann von Ernst Nziha und Edgar Astolfi die einzelnen Heimindustrien in Tirol behandelt. Für heute greifen wir aus den Berichten über die Heimindustrie in Nordtirol, das in dieser Beziehung übrigens nur wenige Zweite dieser Industrie ausneist, den Bericht über die Rosen- Zranz - Kettetei in den Gemeinden Mie- Ning und Rietz heraus. Das Nosenkranzketteln, d. h. die Erzeugung von Rosenkränzen led glich durch Zusammeafügen von bereits sertiggestellten Körnern und nackhenge Verschlingung des Drahtes, wird in den Gebieten der Gemeinden Mieming und Rietz des politischen Be Hirkes Imst fast in jedem Hause betrieben. Jede Frauensperson, ob jung oder alt, selbst Mädchen, die da - 7. Lebensjahr kaum erreicht haben, pflegen jede freie Minute mit dem „ Ketteln " auszufütten, um bei WochenjchlusS dem Verleger möglichst viel Ware abliefern u können. In Mieming ketteln gegen 140, in Rietz etwa 80, in BarwieS rund 30 Frauenspersonen und in allen benachbarten Ortschaften wird mehr oder weniger ebenfalls gekettelt, sodas die Gesammtzahl dieser Heimarbeiterinnen mit 300 in ungefähr 120 Heimbetrieben angenommen werden kann. Diese Heimarbeit ist größtentherls Berlagsorbeit und liegt n den Händen einiger Innsbrucker Her leger, deren Verkehr mit den Heimarbeitern sich ausschließlich im Wege von Bertrauenspersonen vollzieht, sogenannten „ Meisterinnen ", welche in den betreffenden Ortschaften ansässig sind und meist im Dienste nur eines Unternehmers stehen. Das Material wird aus Deutschland und Frankreich bereit in einem derartigen Zustande bezogen, dass die Rosenkränze zu ihrer Vollendung nur gekettelt zu werden brauchen; es wird vom Verleger partienweise der Meisterin zugesendet, welche dasselbe an die einzelnen Heimarbeiterinnen vertheilt, die fertigen Rosenkränze übernimmt und die Ketteyinnen entlohnt. Die Heimarbeiterin wrd tm Stücklöhne bezahlt und erhält für das Ketteln von einem Dutzend Rosenkränze durchschnittlich 10 bis 13 kr., bei feineren Sorten ( Weitkettler) bis zu 40 kr. Lohn, von welchem Betrage jedoch der Wert des eventuell verloren gegangenen oder verdorbenen Materials abgezogen wird. Das der Heimarbeiterin übergebene Material verbleibt Eigenthum des Verlegers; doch haben erstere keinerlei Caution zu erlegen. Die Heimarbeiterin führt nur das Ketteln aus und ist weder an eine bestimmte Lieferfrist, noch an besondere Liesertage gebunden Bei größeren Partien werden die fertigen Rosenkränze gewöhnlich jeden Samstag abgegeben und die entfallenden Verdienste entgegengenommen. Die fertigen Rosenkränze werden dann den betreffenden Verlegern von den Meisterinn n eingesendet und letzteren hiesür eine Provision bewilligt, deren
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 31. Dezember 1901, S. 18, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6894-bericht-ueber-die-heimarbeit-in-tirol-und-vorarlberg-mit-fokus-auf-1901).

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