Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
TOTE KREUZE MIT TIEFEN WORTEN

Bemerkenswerte Grabkreuze und Todtenkapelle in Grins im Stanzerthal

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 3. April 1902 · Seite 2 · #Sprüche und Inschriften
Aus dem Stanzerthal. Von A. Renk. Hinter mir ragt die regelmäßige Pyramide des Lschirgant in den blauleuchtenden Himmel, über mir drohen die Felsen der Parseierspitze in steinerner Todtnis, fernher grüßen die wilden Domfialen des Kaunserthales, vor mir funkelt und strahlt der Eisenpauzer des Nisslers. Ein Malernest, wie man nicht leicht eines finden kann, ist Grins. Alte Gebäude, wuchernde Buschnatur, tiefgründige Felsenschluchten mit grollenden Wildbüchen — goldene Felder, Ebereschen mit glühenden Früchten, Eichen — darüber Fichtenwald und die Hochzauber der Parseier vereinen sich zu einem großen, bunten Bilde, das in allen Einzelheiten schön genannt werden kann. Wer einmal ans der Grinnerbrücke stand, wird den Blick in die Kluft nicht so leicht wieder vergessen. Der alterthümliche Charakter der Häuser des Dorfes, welches seiner Heilquelle wegen schon seit den Zeiten der Margaretha Maultasch bekannt und von dieser selbst besucht war, lässt mich auf alte Sprüche hoffen, so sich an den Todtenkreuzen finden. Gleich gegenüber dem Eingänge fesselt mein Auge ein reiches, schmiedeeisernes Kreuz, wie ich ein so prächtiges bei meinen Wanderungen durch Tirol noch keines gefunden habe. Das erhöht meine Zuversicht aus neue Fundstücke bedeutend. Doch ich habe schon so manches Grabkreuzthürchen geöffnet und keine Ausbeute gemacht. Die ganz alten Kreuze lehnen wohl da, aber sie sind ganz rostzerfressen und in ihren Kapseln Hausen Colonien von Ohrwürmern. Auf den neuen Kreuzen aber stehen nur Belanglosigkeiten. Ich stieg noch in die Todtenkapelle hinab, wo ich einige bemalte Tafeln, die letzten Dinge darstellend, fand. Ein skeletisierter Tod sitzt vor einer Felsenhöhle und zielt mit dem Pfeilbogen in dieselbe hinein, neben ihm steht ein mit weiß durchkeuztem, schwarzen Bahrtuch bedeckter Sarg, liegt eine Sanduhr und ist ein Grabkreuz errichtet: Wohl dem, der als ein guter Christ Zum Sterben stets bereitet ist. In der Flammenhölle schmachtet, von Schlangen umringelt, ein Mensch, dem zwei Teufel mit Thiergesichtern, denen Blitze aus dem Maule sprühen, ein glühendes „ Ewig " ins Gesicht hauchen: Die Hölle brennet noch so heiß, Weil sie von keinem Ende weiß. Das Jüngste Gerichtsbild ist in landläufiger Art mit Regenbogen, Richter, Heiligen, Engeln, Teufeln und Seelen dargestellt. Beim thierköpstgen
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 3. April 1902, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6949-bemerkenswerte-grabkreuze-und-todtenkapelle-in-grins-im-stanzerthal-1902).

Weitere Berichte aus der Rubrik „Literatur, Theater & Musik“

✎ Korrektur-Modus Klicke in jede Überschrift oder Transkriptions-Zeile (Enter = nächste Zeile, Shift+Enter = Zeile teilen)
Gesammelt: 0 Artikel |