Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
STADTWEITE ÄNGSTE UND HOFFNUNGEN

Einverleibung von Pradl in Betracht gezogen – Unsicherheit in der Gemeinde wächst

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 11. Juni 1902 · Seite 4 · #Stadtteile von Innsbruck
(Die Einverleibung von Pradl.) Man schreibt uns: Wie man hört, haben die Verhand. lungen zwischen der Stadt Innsbruck und der Gemeinde Pradl behufs Einverleibung in letzter Zeit greifbare Formen angenommen, und da mag es wohl einem Pradler Bürger gestattet sein, zu dieser wichtigen Frage ein paar Worte an die Oeffentlichkeit zu richten. Innsbruck hat in seinem Ausdehnungsbestreben seine Blicke auf Pradl als ein Gebiet geworfen, welches diesen ErweiterunMestrebungen in reichem Maße gerecht zu werden vermag. Die Einwohner von Pradl fragen sich nun, welche Folgen für sie aus der Einverleibung entstehen, welches die Licht und Schattenseiten dieser Vereinigung sein werden. — Die ansässigen Bauern z. B. haben allen Grund zur Befürchtung, dass ihr Wirtschaftsbetrieb kaum eine Erleichterung erfahren dürfte, dass Düngerhaufen und Latrinenwagen mit dem städtischen Bild schlecht in Einklang zu bringen sind. Sorge beschleicht auch die Geschäftsleute, denen mit der Ausdehnung zugleich ein erhöhter Concurrenzkampf droht, der vielleicht das jetzige zwar bescheidene, aber sichere Brot gefährdet. Metzger und Wirte fürchten, für die erste Zeit unter den geänderten Verhältnissen am empfindlichsten getroffen zu werden: den Hausbesitzern schwebt das Schreckgespenst der Hauszinssteuer vor Augen und die arbeitende Bevölkerung, die zur Zeit das Hauptcontingent stellt, rechnet mit einer muthmaßlichen Steigerung einiger wichtiger Lebensmittel. Ein Zug der Unruhe geht durch die Gemeinde, jeder steht einer unbekannten und schwer schätzbaren Größe gegenüber und die Leute fragen sich, was ist besser, in den alten Verhältnissen zu bleiben oder Städter zu werden? Durch die Sesshaftmachung der arbeitenden Classen und durch den Bau von Zinshäusern hat die ursprüngliche bäuerliche Bevölkerung einen starken fremdartigen Einschlag bekommen und diese neuen Bewohner sind es, welche hauptsächlich Anforderungen an das Gemeinwesen stellen, die, solange die Bauern für sich hausten, unbekannt gewesen sind. Diese Anforderungen, die sich in letzter Zeit besonders in den Vordergrund drängen und deren Erfüllung als unaufschiebbar bezeichnet werden muss, sind im wesentlichen fsl-
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 11. Juni 1902, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6994-einverleibung-von-pradl-in-betracht-gezogen-unsicherheit-in-der-1902).

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