Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
SCHUHMACHER MIT EIGENEM TAG UND EIGENEN PROBLEME

Schuhmachertag in Innsbruck – Forderung nach Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 5. Jänner 1903 · Seite 7
und werden nach Wiederaufnahme der parlamentarischen Arbeiten gewiß ohne Ausnahme trachten, den Wünschen des Schuhmachergewerbes nachzukommen. ( Beifall.) In ähnlicher Weise sprach Abg. Förg. Er führte aus, daß der Z 38 der Gewerbeordnung seinerzeit auf Grund eines Kompromisses zwischen den Großindustriellen und Kleingewerbetreibenden zustande kam. Um denselben eine für die letzteren günstigere Fassung zu geben, sollen sich die Schuhmacher aller Länder Vereinen und gemeinsam an die Abgeordneten herantreten. Er für seine Person sei gerne bereit, dafür einzutreten. Abg. Loser meinte, Herr Hieke habe oie Lage des Schuhmachergewerbes in wahrheitsgetreuer Weise geschildert, aber man dürfe doch Besserung erwarten. Das Wirken der Kammer sei in letzter Zeit ein günstiges geworden, auch die Stimmung der Abgeordneten sei gewerbefreundlich. Man dürfe sich übrigens nicht aus Parlament und Regierung verlassen, sondern müsse zur Selbsthilfe greisen. Bürgermeister W. Greil begrüßte den Schuhnurchertag. namens derStadt Innsbruck. Letztere sei von jeher gewerbesreundlich gewesen und wolle hie Bestrebungen der Schuhmacher auf daS wärmste unterstützen. DaS beste sei entschieden der Selbst- Zusammenschluß. Wenn sich die Schuster aus den Reichsrat verlassen, werden sie noch lange verlassen sein, dla zuerst die nationalen Fragen gelöst werden müssen, ehe das Parlament zur Behandlung wirtschaftlicher Fragen kommt. Es sprachen noch eine Reihe von Schuhmachermeistern. Schaap aus Bozen wandte sich gegen hie sog. Klosterschuster und fragte, ob der Bischof von Trient berechtigt sei, Gewerbetreibende zu halten. Fidrant ( Wien) meinte, die Schuhmacher seien gegenwärtig förmliche Lohnsklaven der Händler. Statt Bittschriften solle man Prügel in die Hand nehmen. Redner schilderte in humorvoller Weise den Kampf, den die Wiener Schuhmacher gegenwärtig gegen die Großindustrie führen und begrüßte es, daß sich die Tiroler Schuhmacher mit den Wienern solidarisch erklärten. Beck ( Innsbruck) verflieg sich zu dem Ausspruche, das Kleingewerbe sei alt geworden und müsse sterben. Schmid ( Innsbruck) stimmte ihm teilweise zu. Beide wurden vom Vorsitzenden darauf verwiesen, daß es sich für Kleingewerbetreibende nicht gezieme, derartig zu sprechen. Sodann wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Der am 4. Jänner 1903 im Gasthof zum weißen Kreuz in Innsbruck stattfindende Sckuhmachertag für Tirol und Vorarlberg konstatiert, daß der rapide Niedergang des Schühmachergewerbes zum großen Teile durch den in allen Orten meist von jüdischen Händlern in Verbindung von Kleidermagazinen u. s. w. betriebenen Schuhhandel verursacht wird, indem hierbei alle Mittel unreeller Konkurrenz angewendet werden, um das kaufende, meist minder bemittelte und der arbeitende Klasse angehörende Publikum irrezuführen und zu übervorteilen. Die Unwissenheit des Publikums wird dazu ausgenützt, um dem Schuhmacheraewerbe auch die letzte Kundschaft zu e ntziehen und die Existenz dieses Berufszweiges unmöglich zu machen. Der Innsbrucker Schuhmachertag bittet daher dringend, die hohe Regierung wolle den schon vor Jahren den Handelsund Gewerbekammern sowie sonstigen interessierten Korporationen Zur Begutachtung übergebenen Gesetzentwurf gegen den unlauteren Wettbewerb ehestens dem Abgeordnetenhause vorlegen. Er fordert weiter die Tiroler und Vorarlberger Abgeordneten auf, die schleunige Behandlung dieses Gesetzentwurfes zu begehren und zu verlangen, daß in diesem Gesetzentwürfe gegen den unlauteren Wettbewerb die strengsten Maßregeln ausgenommen werden, weil die dermaligen Gesetze nicht ausreichen, um diesem allgemeinen Übel wirksam entgegenzutreten. Er fordert weiter die endliche Aushebung der Strafhausarbeit für gewerbliche Arbeiten. Die Sträflinge mögen zu Kanal und Eisenbahnbauten, zu Wildbachverbauungen u. s. w. verwendet werden, nicht daß ein bedeutender Teil des Jnvestitionsanlehens die Arbeiterschaft fremder Staaten verdienen, die heimischen Bürger aber der Arbeitsgelegenheit und ihrer Existenz beraubt werden. Ebenso fordert dieselbe Versammlung die Aufhebung der Heimarbeit in Böhmen, Mähren u. s. w., da dadurch weder die gesetzliche Arbeitszeit noch die Sonntagsruhe erngehalten
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 5. Jänner 1903, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7154-schuhmachertag-in-innsbruck-forderung-nach-bekaempfung-des-1903).

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