Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
GEFÄHRLICHE BERUFE, FREIWILLIG ODER GEWISSENBINDEND

Lebensgefährliche Gewerbe – Artistik und Berufsunfälle im Vergleich

t. Lebensgefährliche Gewerbe. Von Karl Rudolfi. Die Spruchweisheit des Volkes sagt: „ Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um " und will damit sagen, daß derjenige, der mutwillig mit seinem Leben spielt, sich nicht beklagen darf, wenn er schließlich eines Tages seinen Einsatz verliert und Freund Hein als unerbittlicher Mahner die Schuld, die nur mit dem Sterben bezahlt werden kann, einfordert. Ein geheimes Gruseln vor der Nähe des Todes befällt uns, wenn wir den halsbrecherischen Produktionen gewisser Künstler im Zirkus und anderswo Zusehen, und das ist vom Standpunkte des warmen, menschlichen Mitsühlens gewiß nur selbstverständlich. Aber wenn auch das Unglück für die Familie ebenso groß ist, ob es diejenige eines waghalsigen Artisten oder jene eines auf das Pflaster stürzenden Dachdeckers betrifft, so darf man doch nicht übersehen, daß im ersteren Falle es meistens freier Wille war, den Lebensunterhalt durch tollkühne Künststückchen zu erwerben, statt durch solide bürgerliche Beschäftigung, während es auf der anderen Seite absoluter Zwang ist, daß eine große Anzahl Menschen tagtäglich ihr Leben in gefährlichen Bernsen aufs Spiel setzt. Wer sich auf dem Turmseil produziert, sich aus dem Korbe des Luftballons mit dem Fallschirm zur Erde herabfallen läßt oder in wahnsinnigen Voltigen durch die Manege rast, muß, wenn ein Unglück eintritt, sich sagen „ tu I ' a voulu.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 21. Jänner 1903, S. 11, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7161-lebensgefaehrliche-gewerbe-artistik-und-berufsunfaelle-im-vergleich-1903).

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