Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VOLKSKÜCHE SUCHT IHREN PLATZ

Unzulänglichkeiten der jetzigen Volksküche und Bedenken gegen Ausbau an der Schlachthalle

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 11. Juli 1903 · Seite 4 · #Volksküche
den besten Familien der Landeshauptstadt im Dienste öffentlichen Wohltuns ' unermüdlich tätig sind, schon längst zu klein geworden und es steigert sich immer mehr in unaufhaltsamer Weife das Bedürfnis nach einer neuen, allen billigen Anforderungen entsprechenden Unterkunftsstätte für dieses unentbehrlich ', für die unbemittelten Klassen der Bevölkerung so wichtige Institut. Infolge Ungunst der Verhältnisse muß leider der einstmals geplante Neubau einer Volksküche am Jünparke gegenüber dem Turnusvereinshause als ein begrabenes Projekt betrachtet werden. Es ist dies sehr zu bedauern, nachdem nur ein ebenerdig gelegener Speisesaal, wie er hier vorgesehen war, verschiedene Unzukömmlichkeiten, die in dem bisherigen VolMüchenheime tagtäglich in unliebsamer Weise sich bemerkbar machen, im vorhinein unmöglich gemacht und entfernt hätte. Neuestens geht man, sicherem Vernehmen nach, mit dem Plane um, durch Ausbau auf die Schlachthalle einen Raum für die Volksküche zu gewinnen. Nun spielt aber für ein Institut welches einen solchen Massenbesuch aufweist, wie die Volksküche, und dessen einziger Zweck zudem noch die Verabreichung großer Speisenmengen an Viele Einzelpersonen ist, das Reinlichkeitsprinzip eine große, ja geradezu hervorragende Rolle. Und diesbezüglich hat es seit jeher gefehlt. Eine Hauptursache dessen ist in dem schmalen Aufgange in den Speisesaal zu suchen. Dieser Umstand erschwert jede Arbeit und macht eine gründliche Reinigung des Saales und seiner Einrichtungen beinahe unmöglich. Das geplante Stiegenhaus in dem Schlachthallenaufbau und die hohe, eingeschlossene Lage des in demselben herzu stellenden Raumes würden die Übelstände des alten Hauses vielleicht in noch erhöhtem Grade in sich tragen. Die Verwirklichung dieses neuesten Projektes würde sonach keinen Fortschritt, ja vielmehr noch einen bedauerlichen Rückschritt bedeuten. Übrigens mag die Tatsache, daß unser Bürgermeister ein warmer Freund und einflußreicher Förderer der städtischen Volksküche ist, die Erwartung gerechtfertigt erscheinen lassen, daß in dieser für die Arbeiterbevölkerung eminent wichtigen Angelegenheit das Letzte und entscheidende Wort noch nicht gesprochen ist. Vielleicht läßt sich dennoch das Projekt der Errichtung einer Volksküche an einem anderen günstig gelegenen Platze verwirklichen. Man könnte in diesem Falle den großen ebenerdigen Speisefaal mit einem Warteraum in Verbindung bringen, der zum Schutze gegen die Unbilden der Witterung ^ zu dienen hätte, ja auch mit verhältnismäßig geringen Kosten sogar in eine Wärmestube für die kalte Jahreszeit umgewandelt, rejp. ausgestattet werden könnte. Damit wäre ein zu wiederholtenmalen vom Gemeinderate Herrn Franz Thurner angeregter Vorschlag zur Errichtung von Wärmestuben, deren Jnslebentreten nur zu begrüßen wäre, verwirklicht. Wir übergeben diese Anregung der Öffentliche keit, in der Erwartung, diese wichtige Angelegenheit hiemit neuerdings in Fluß zu bringen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 11. Juli 1903, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7278-unzulaenglichkeiten-der-jetzigen-volkskueche-und-bedenken-gegen-1903).

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