Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
MODERN UND DOCH TRADITIONELL

Nationaltrachtenfest in Mayrhofen mit buntem Festzug und tirolischen Trachten

Nationaltrachtenfest in Mayrhofen. Aus Mayrhofen im herrlichen Zillertal wird uns geschrieben: Wie im Vorjahre, hat der rührige Verschönerungs verein von Mayrhofen auch Heuer am 7. und 8. August ein Wald fest veranstaltet. Überfüllte Züge der Zittertqlbahn brachten iu bunten Mengen die Festgäste, ein Beweis, daß der völkische Zweck des Festes allseitige Anerkennung fand. Tie Erhaltung der Volkstrachten unserer Vorfahren ist nicht nur von kulturhistorischer Wichtigkeit, sie ist auch eine ethischie Tat und eine nationale Pflicht. Das mochten auch viele von den Vielen, welche jn das Dorf am Eingänge des Zillertaler Fünfstromlandes einzogen, schon im Vorjahre erkannt haben. Fahnen flatterten von den Hausgiebeln und Musikklänge durchflogen das Dorf. Die Bauerngärten ließen die letzten Rosen brennen; die steife Georgine und der grelle Phlox spendeten die erste heiße Farbenpracht des Herbstes. Um 2 Uhr nachmittag wunderte der Festzug, begleitet von der tüchtigen Brixleggermusik, die in ihrer Alpachertracht immer da ist, wenn es gilt, für die Erhaltung tirolischer Eigenart in Festbräuchen einzutreten, dem nahegelegenen Festplatze im Walde zu. Im Festzuge waren nicht bloß singende und jodelnde Menschen, auch verschiedene Klienten des heiligen Lienhart brüllten und meckerten echte Alpenmusik für die Realisten und lieferten Bergglockenläuten für die Sentimentalen. Am Festplatze standen allerlei Buden, so auch Almen mit Sennern, deren Arbeitsgewand weniger durch Farbenpracht, als durch unverkennbare Einwirkung auf die Geruchsnerven sich bemerkbar machte. Bei einem Trachtenfeste soll alles echt sein, aber ich glaube, daß die Besucher keinen Anstoß daran nahmen, daß die auf den wirklichen Almen so selten aufzufindenden schönen Sennerinnen hier wirklich in Fleisch und Blut anzutreffen waren. Ähnliches Weibsvölkel traf man in den verschiedenen anderen Buden. Nun zu den Trachten: Am häufigsten vertreten war selbstverständlich die heutige Zittertalertracht, bei den Männern also die graue, sammetbesäumte, kurze Lodenjoppe. Bei den Diandln ist häufig nur mehr der goldbedroddelte, niedere Spitzhut das einzig Eigentümliche. Ebenso wie diese Tracht nähert sich die der Unteriuntalerinnen, von denen einige in ihren „ Drahscheiben" erschienen waren, immer mehr der städtischen Mode. Sonst sah man gelbbefrackte Eggentaler, auch rotbejoppte Ötztaler mit ihren Breithüten. Die Sarner waren im Weinwirtshaus vertreten, und zwar durch eine so nette Sarnerin, daß wohl keiner, wenn ihm das Tiandl den Wein reichte, an den berühmten Sarnertoui dachte. Drei Brixentalerkinder mit ihren Wachtelstdern auf den bestickten Strohrundhüten ließen lustige Weisen ertönen, ebenso die gut geschulten Stummer. Eine Alt - Jnnsbruckerin in violettem Seidenkleide mit goldener Riezelhaube am Haupte, wallte vornehm durch das Gewühl.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 10. August 1904, S. 6, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7536-nationaltrachtenfest-in-mayrhofen-mit-buntem-festzug-und-1904).

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