Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
AKKORDARBEIT ÜBERSETZT IN KAMPF

Versammlung der Baugewerbe-Arbeiter zum Akkordsystem und Entlassungen im Adambräugarten

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 11. August 1904 · Seite 3 · #Arbeitszeit
(Ba uarbeiter - Vers ammlung.) Gestern abend fand. im Gasthausgarten beim „Adambräu " eine freie Versammlung der vereinigten Arbeiter des Baugewerbes statt, bei welcher Mißstände in der Gehilfen - Krankenkassa und insbesondere das Akkordsystem bei Bauten zur Besprechung kamen. Der Sihankgarten war zu zwei Dritteln von den Teilnehmern besetzt, die Mehrzahl derselben waren Italiener. Die Verhandlungen wurden denn auch zweisprachig geführt, ein Kollege der Italiener übersetzte die Referate der einzelnen Redner jedesmal ins Italienische. Der Einberufer Brantner eröffnete die Versammlung und begrüßte u. a Gewerbe - Oberinspektor Rziha, der mit dem Assistenten Pollak an den Verhandlungen teilnahm. Auch der Obmann der Bauarbeiter - Krankenkassa, Baumeister Fritz, war bei der Versammlung anwesend. Gehilfenobmann Schneidermayer hatte das Referat über die drei Punkte umfassende Tagesordnung übernommen. Der erste betraf die Erbeiter - Entlassungen wegen Arbeitsmangel und die Überstundenarbeit bei den Bau -, bezw. Maurermeistern Retter und Hupsauf. Referent führte aus, daß bei den Neubauten Retters in der Liebeneggstraße und am Handelsakademie - Gebäude kürzlich 36 Arbeiter angeblich wegen Arbeitsmangel entlassen worden seien. Bei denselben Bauten würden auch Überstunden und Akkordarbeiten gemacht. Redner erblickte den Grund der Arbeiteventlassungen in der Überstundenarbeit und im Akkordsystem, de ren Abschaffung man anstreben müsse. Auch bei Maurermeister Hupfauf in Hötting seien dies: Übelstände im Schwünge. Referent machte dann aufmerksam, daß nach den Gewerbevorschriften bei Bauten die Bauordnung nicht bloß angc schlagen, sondern auch verlautbart wevden müsse was vom Gewerbe - Oberinspektor Rziha ebenso bestätigt wurde, wie die Interpellation, daß die gesetzliche Arbeitszeit 11 Stunden betrage, wenn nicht besondere Vereinbarungen vorliegen. Der Referent brachte dann ein Schreiben der Baugenossenschaft zur Verlesung, in welchem der Standpunkt des Baumeisters Retter in der Angelegenheit nieder gelegt war. Kontrollor Bader betonte demgegenüber, Retter wolle sich nur reinwaschen, er solle keine Akkordarbeiten vergeben, dann brauche er keine Arbeiter zu entlassen. Auch der Vorsitzende Branter wandte sich mit eindringlichen Worten gegen die Akkordarbeit, welche insbesondere gerne von den deutschen Maurern unter unlauteren Bedingungen übernommen werde.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 11. August 1904, S. 3, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7537-versammlung-der-baugewerbe-arbeiter-zum-akkordsystem-und-1904).

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