Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
TIROLER REDNER ZEICHNET EUROPÄISCHES BILD

Rede des Tiroler Abgeordneten Dr. v. Grabmayr zum Verhältnis Österreichs zu Ungarn

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 24. März 1905 · Seite 17
Seite 88. Abg. Dr. v. Grabmayr über das Verhältnis zwischen Österreich und Ungarn. Die große Debatte des Abgeordnetenhauses über den Antrag Derschatta, die von dem Antragsteller selbst und vom Abg. Dr. Lecher in so wirkungsvoller Weise eingeleitet wurde, ' fand durch den Abg. Dr. v. Grabmayr, der bekanntlich als Generalredner pro sprach, einen ebenso würdiger: Abschluß. Wir haben die Ausführungen dieses Abgeordneten, der zu der: besten Rednern des Hauses gehört, in Kürze vorgestern gebracht. Nun liegt uns der Wortlaut der Rede im sterrographis chen Protokolle vor, und da es unsere Leser gewiß interessieren wird, genauer den Standpunkt lernten zu lernet:, den dieser Tiroler Abgeordnete unter der allgemeinen Zustimmung des Hauses vertreten hat, geben wir die Reoe wörtlich wieder. Sie Lautet: Hohes Haus! Der Redner des Polenklubs hat in seiner interessanten Rede eine Frage aufgeworfen, der man allerdings in der gegenwärtigen Debatte auch nach meiner Ansicht, nicht ganz aus dem Wege gehen kann. Man könnte fragen, ob der Antrag Derschatta nicht verfrüht sei. In Ungarn gibt es Heute Leine definitive Regierung, keine durch ein einheitliches Programm verbundene Mehrheit. Welche neue politische Gestaltungen sich aus dem Gärungszustande jenseits der Leitha bilden werden, kann heut? niemand wissen: doch trotz der Unsicherheit, was für politisches Wetter in Ungarn dem großen Lostage des 26. Jänner 1805 folgen werde, kann heute schon kein Zweifel mehr darüber besteh n, welcher Richtung die kommende Entwicklung zustrebt. Stimmt auch das ungarische Orchester erst die Instrumente, fehlt noch der Kapellmeister, so bringt doch aus dem Tongewirre heute schon laut und deutlich ein dominierendes Leitmotiv zu uns ' herüber; das Leitmotiv der vollen w i r t s ch a f t! i ch e n und m i litärischen Selbständigkeit des ungarischen Staates. Fern vor: jeder Einmischung in Ungarns innere Verhältnisse müssen wir doch u u s e r Recht wahren, sobald die Bewegung von drüben auf das Gebiet der Gesamtmonarchie übergreift; wir dürfen nicht die tatlosen, resignierten Zuschauer spielen, wenn man drüben au den Grundlagen des Reiches rüttelt, wenn im ungarisch?:! Reichstage eine Mehrheit in Sicht kommt, bic ci; ic tiefgreifende Umgestaltung des Dualismus an die Spitze ihres Programmes stellt. Solchen Erscheinungen gegenüber ist eine einheitliche Stellungnahme unserer Reichsvertretung unerläßlich, und als erste Anregung zu einer solchen Stellungnahme ist der Antrag Derschatta zu begrüßen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 24. März 1905, S. 17, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7692-rede-des-tiroler-abgeordneten-dr-v-grabmayr-zum-verhaeltnis-1905).

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