Fortschritt gegenüber dem alten Kopiertelegraphen Casellis und seiner Nachfolger! Das Fernsehen. Bleibt bei aller Vorzüglichkeit der Anordnungen des Prof. Korn den kommenden Zeiten viel zu leisten übrig, um Vollkommenes in der Fernphotographie zu erreichen, so finden wir uns bei der Kunst, in die Ferne zu sehen, ganz und gar im Bereich der Zukunftsoptik. Das Licht, der klarste und doch geheimnisvollste Bote aus dem Himmelsraum, soll da Wirkungen her Vorbringen, die wohl nicht außer den Grenzen des Möglichen liegen, allein: der Weg zu diesen Effekten des Lichtes liegt noch — wenn man bei Licht fo reden darf — in tiefem Dunkel! Mer unmöglich braucht die Lösung dieses Problems darum nicht zu sein. Um mittels des elektrischen Stromes in die Ferne zu sehen, müssen wir Lichtschwingnngen des Äthers in elektrische Schwingungen verwandeln; diese fortzuleiten obliegt dann der drahtlosen oder drahtlichen Telegraphie, nur handelt es sich dann darum, an der Ankunftsstelle die elektrischen Oszillationen in optische umzuwandeln. Lichtschwingungen werden nach Millionteln von Millimetern gemessen. Das rote Licht, dessen Wellenlänge unter allen Lichtarten die größte ist, mißt nur 810 Milliontel Millimeter, die Wellenlänge des violetten Lichtes gar nur 380 solcher Minimallängen; die Wärmewellen sind 900mal län ger als die des roten Lichtes! Die Länge der elektrischen Wellen beträgt — nach. Hertz — 50 Meter, sie wären also 60millionenmal länger als die Wellen des roten und 130millionennml länger als die des violetten Lichtes. Märconi, als er über den Ozean telegraphierte, bediente sich 200 Meter langer Wellen! Die oben geforderte Umwandlung ist also keine Kleinigkeit. Und doch wird seit langem ( 1839 durch E. Beequerel) Elektrizität direkt aus Licht erzeugt: die Ströme, die man so erhielt, wieder in Licht umzuwandeln, beziehungsweise in Bilder, ist aber bisher nicht gelungen. Verschiedene Erfinder haben — wie bereits angedeutet — sehr phantasievolle Vorschläge und wahrhaft stupende Verheißungen in die Öffentlichkeit geschleudert: reelle Leistungen in direktem Fernsehen haben, sie jedoch nie vorgewiesen. Klein Wunder, daß dieses Wunder nicht Wirklichkeit wird. Denn es ist das Größte, was die arabischen Scheiks, denen Napoleon I. durch die jüngsten Ergebnisse damaliger chemischer und physikalischer Forschung imponieren wollte, als er solche durch Monge und Berthollet produzieren ließ, von ihm verlangten: „ Mache, daß wir in Kairo sehen, was in Marokko geschieht, dann glauben wir, daß ihr wahre Hexenmeister seid! " Wir sind bescheidener, wir haben warten gelernt! Das Telephon, das Photophon, die drahtlose Telegraphie und Telephonie — all das schien ja vor dreißig Jahren selbst dem größten Teil der Eingeweihten unglaublich: heute sind das Wirllichkeiten. Auch im Lexikon der Naturwissenschaft wird das dräuende Wort „ unmöglich " gestrichen werden müssen!
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 23. Dezember 1905, S. 43, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/7923-zukunftsoptik-und-fernsehen-die-herausforderung-der-1905).
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