Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
TURM, TROG UND TIEFSTE TIROLISIERUNG

Kunstvoller Ausbau des Matzener Anwesens durch den Freiherrn und seine kulturelle Gastfreundschaft

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 18. August 1906 · Seite 20 · #Burgen und Schlösser
Er hatte sich in das Tiroler, speziell in das Unterländer Treiben verliebt, und deshalb begann er im Jahre 1883 jenen Grundkomplex bei Matzen zu erwerben, der fortan sein Tusculum wurde. Wer sich jemals in Brixlegg aufhielt, hat gewiß die Wald und Parkanlagen bewundert, die „ der Freiherr " dort schuf und auf Wunsch jedem zugänglich machte. Die angekauften Bauernhäuschen, aus denen allerdings die Bewohner weichen mußten, wurden nach außen und innen in Schmuckkästchen verwandelt, mit Bildern, Bildstöckeln und Lauben geschmückt, und teils einer Musterherde von Simentaler Mhen zur Verbesserung der Unterländer Rasse, teils erholungsbedürftigen Großstädtern zum Aufenthalte überwiesen. Auf einer Anhöhe ließ er eine Nachbildung des rheinischen Rolandbogens in der imposanten Größe des Originals aufführen, ein dauerndes Wahrzeichen seines. Bestrebens, das geliebte Tiroler - Land noch zu verschönern. An einer kühlen Waldecke aber, wo eine Quelle aus dem Felfen bricht, baute er sich ein Schlößchen in erlesenem Geschmack. Der Turm allein wurde dreimal geformt; zuerst war er nicht tirolisch genug, dann sah er dem Nr. 188. Seite 19. Turm des Asch ach er Schlößchens zu ähnlich. Als der strenge Westphale, der alle Mittelmäßigkeit haßte endlich zufrieden war, veröffentlichte er selbst in einer Rattenberger Faschingszeitung eine Anweisung, wie man billig bauen müsse. Im Innern des Hauses wimmelt es von tirolischer Kleinkunst. Die Halle wurde durch einen historischen Defregger geschmückt, der eine ganze Wand einnimmt. Das Eßzimmer malte Rickelt mit den Wappen tirolischer Städte aus. Wenn Elisabeth von Lipperheide, die zweite Gemahlin des Freiherrn und jetzige Besitzerin des Anwesens, will, so wird Neumatzen zusammen mit Meierheims Gartenhalle und dem ganz eigenartigen, säulengeschmückten Nympheum einstmals neben Tratzberg und Feldthurns als eine Perle kunstvoll eingerichteter Tiroler Schlösser gezeigt, von Tausenden besucht, von späten Geschlechtern studiert werden. In seinen Mauern konnte man die Musiker Wolf und Joachim treffen, die Schriftsteller Grosse, Roberts und Voß, die Bildhauer Natter und Pfretschner, die Maler Defregger, Grützner und Soarbina, Gelehrte wie Erich Schmidt, selbst den Großh erzog von Sachsen - Weimar. Eine fürstliche Gastlichkeit, namentlich in geistiger Hinsicht machte das früher so stille Plätzchen durch viele Jahre zu einem Stelldichein von Berühmtheiten.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 18. August 1906, S. 20, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8040-kunstvoller-ausbau-des-matzener-anwesens-durch-den-freiherrn-und-1906).

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