Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
PROFESSOR OHNE ERFLEISCHEN

Prof. Dr. Ludwig Lantschner feiert sein 80jähriges Wiegenfest

Prof. Dr. Ludwig Lantschner. (Zu seinem 80. Geburtstage.) Am gestrigen Tage feierte eine der bekanntesten und markantesten Erscheinungen unserer Stadt, Universitätsprofessor Dr. Ludwig Lantschfi ner, zu Otz im Kreise seiner Angehörigen bei vollster geistiger und körperlicher Frische sein 80jähriges Wiegenfest. Der allverehrte Jubilar wurde am 24. August. 1826 zu Steinach am Brenner als zweites Kind des aus Steinegg bei Bozen stammenden Chirurgen Simon Lantschner und der Theresia geb. Strelle geboren. Die hervorragende ärztliche Veranlagung und Berufsfreude des Vaters, dem es leider die Lebensulustände nicht erlaubt hatten, einen höheren akademischen Grad als jenes eines Magisters der Zahnheilkunde zu erreichen, der aber trotzdem ost genug Doktoren der Medizin durch Sicherheit der Diagnostik und erfolgreichie operative Schritte, dabei noch! ohne die modernen Hilfsmittel ( Antisepsis re.) in den Schatten stellte, hatte sich schon frühzeitig in unverkennbarer Weise an dem aufgeweckten Knaben bekundet. Nichts war demselben lieber gewesen, als wenn er den Vater bei seinen Besuchen begleiten durfte, und die abstoßendsten Krankheitsbilder vermochten bei ihm nur Gefühle des Interesses, niemals des Abscheues, zu erregen. Das Gymnasium mit der „ Physik " und „ Logik" absolvierte Lantschner in Innsbruck, wohin später auch der Vater nach längerem Aufenthalte in Mareit bei Sterzing als Gemeindearzt von Hötting zog, ebenso das „ chirurgische Studium ", welches damals an der Universität Innsbruck die heutige medizinische Fakultät vertrat und mit drei Studienjahren sechs Lehrstühle: Anatomie, theoretische Medizin, praktische Medizin und medizinische Klinik, Geburtshilfe, Chirurgie, Vorbereitungswissenschaften umfaßte. Dank der Munifizenz eines Gönners, des Kaufmannes und landständischen Verordnten Josef Dffer in Gries am Brenner, sowie der Unterstützung anderer Freunde wurde es Lantschner ermöglicht, sein hervorragendes Talent an der Universität in Würzburg und dann an jener der Reichshauptstadt unter der berühmten Ära der „Wiener Schule ", gekennzeichnet durch die Namen Schuh, Skoda, Hebra, Rokitansky, Hyrtl, Oppolzer, Dümreicher, voll zu entfalten. Bei der Beliebtheit des im Jahre 1855 dort zum Doktor promovierten und durch weitere zwei Jahre als! Operationszögling in der Klinik Prof. Tumreichers tätig gewesenen jungen Mannes in Lehrer und Freundeskreisen hätte sich ' demselben in Wien auch für die fernere Tätigkeit zweifellos eine glänzende Zukunft eröffnet, hätte nicht das im Jahre 1858 eingetretene frühzeitige Ableben des Vaters die Notwendigkeit ergeben, der Familie mit sieben unversorgten Kindern unmittelbar an Ort und Stelle zu Hilfe zu kommen. S ^ trat denn Lantschner in die Fußstapfen des Vaters und übernahm die Gemeindear ztesstelle in Hötting und die ärztliche Praxis in Innsbruck.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 25. August 1906, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8043-prof-dr-ludwig-lantschner-feiert-sein-80jaehriges-wiegenfest-1906).

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