Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
PFLEGERIN FEHLT – UND DER KRANKE MIT

Die unersetzliche Pflegerin im Winter im Gebirge

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 1. Dezember 1906 · Seite 18
hen weiteren Verlauf der Krankheit bedeutungsvoller Vorkommnisse, die das Laienauge der Angehörigen des Kranken nicht sieht oder falsch deutet, die Zuziehung des Arztes veranlassen. Daß im Winter die Möglichkeit eines Krankentransportes über vereiste Wege, bei Neuschnee usw. überhaupt ausgeschlossen ist, daß der Arzt, mag er noch so aufopfernd für seine Patienten, noch so hart gegen sich selbst sein, wegen der zur Znrücklegnng der Wege nötigen längeren Zeitdauer den Kranken noch weniger oft besuchen kann, weiß jeder, der den Winter im Gebirge kennt, zur Genüge. Gerade unter solchen Verhältnissen, in solchen Fällen ist die Pflegerin von unersetzbarem Werte, hier ist sie das, was eigentlich die Pflegerin sein soll und muß, die Mittelsperson zwischen Kranken und Arzt, die auf Grund der ärztlichen Anweisungen dem Kranken seine Leiden lindern kann, den Kranken ständig beobachten muß, damit im richtigen Augenblicke der Arzt wieder gerufen werde und entsprechend eingreife. Der Kranke hat unter sachgemäßer Pflege nicht nur eine Linderung seiner Schmerzen zu erhoffen, er hat auch die beruhigende Garantie, daß im kritischen Augenblick auch der Verbündete der Pflegerin auf den: Schlachtfelde, wo um sein Leben die Würfel fallen, erscheint und rechtzeitig ein greift. Der Schreiber dieses Aussatzes war leider oft Zeuge ganz verzweifelter Situationen obigen Charakters: Hoch droben auf dem Berge ein Schwerkranker, der ständige Pflege braucht, Transport unmöglich, Verbleiben des behandelnden Arztes am Krankenbette wegen dringlicher airderer Fälle auch unmöglich, und Pflegerin keine zu beschaffen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil es draußen auf dem Lande überhaupt keine Pflegerinnen gibt. Und gar nicht viel besser sieht es mit Pflegerinnen in den Städten aus, wenn auch hier die Verhältnisse für den Kranken viel günstiger liegen. In den Städten, wo Ordensschwestern sich der Krankenpflege widmen, werden dieselben naturgemäß in erster Linie in Spitälern, Heilanstalten usw. verwendet, und hier gibt es für sie übergenug an aufreibender Arbeit. Die Beschaffung von Schwestern für Privatpflegen gehört mit zu den Dingen, die dem Arzt gar manchesmal Kopfzerbrechen verursachen, davon weiß wohl jeder Medicus ein Lied zu singen. Die Ordensschwestern, denen unbedingte Anerkennung auf dem Gebiete der Krankenpflege gebührt, und deren alljährlich eine erschreckend große Zahl als Opfer ihres Berufes den „ rühmlosen Heldentod " sterben, mögen es mir verzeihen, wenn ich gleich nach ihnen eins Kategorie von Krankenpflegerinnen nenne, denen unbedingt jegliche Anerkennung zu entziehen ist; ich kann dies aber ganz beruhigt tun, denn wirklich echtes unterscheidet von selbst sich vom unechten, zum mindesten für den Kenner. Es gibt nämlich eine Zahl von Personen weiblichen Geschlechtes, die sich mündlich und schriftlich „Krankenpflegerin " nennen, im besten Falle mit dem gleichen Rechte wie der „ Hauptmann von Köpenick " sich Titel und Uniform eines preußischen Exrrdehauptmannes beilegte, nur mit dem Unterschied, daß dem letzteren Intelligenz und Humor niemand absprechen kann, was bei ersteren selbst ein sanftes Gemüt in 95 o/o der Fälle ohne sein Gewissen zu belasten, beruhigt tun darf. Bezüglich der Frage, wo sie ihre Ausbildung zu Krankenpflegerinnen genossen, ist es ratsam, sich die Antwort selbst zu pfeifen oder bei guten Stimmitteln zu singen in Gestalt des Leitmotivs aus „ Lohengrin ": „ Me sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen! " Und sieht und hört man dann solche Personen am Krankenbett, plump und derb, grob in ihren Hantierungen, polternd " bei jeder Bewegung, bar jeglichen Verständnisses für den psychischen und somatischen Zustand des Kranken, so muß jeden fiihlenden Menschen Erbitterung befallen, daß solche Individuen sich getrauen, aus schwerer Not ihrer kranken Mitmenschen Kapital schlagen zu wollen. Besser als solche Pflege ist wirklich keine. Daß ich mit dieser Schilderung der Beschaffenheit des Krankenpflegenwesens mich nicht in Selbsttäuschung befinde, beweisen mir außer meinen eigenen Erfahrungen auch publizistische Anregungen zu Änderungen auf diesem Gebiete, wie sie von bekannten Männern, die ihre Kraft in den Dienst der
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 1. Dezember 1906, S. 18, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8096-die-unersetzliche-pflegerin-im-winter-im-gebirge-1906).

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