Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
STÜRMISCHE STIMMEN IM LANDTAG

Debatte um die Tiroler Wahlreform mit Forderung nach direktem Wahlrecht

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 7. Oktober 1908 · Seite 17 · #Landtagssitzungen
vom Jahre 1905. Derselbe wird, falls er zur 'DurchPi. hr ung gelangt, das direkte Wahlrecht einführen, er wird die bisherigen Zensus - Ungerechtigkeiten abschafsen, er wird den Stkdten, vor allem der Stadt Innsbruck die entsprechende Vertretung einräumen, er wird weiter die nationalen Gegensätze vermindern, indem er insbesonders auf dem Gebiete des Großgrundbesitzes eine gerechte Aufteilung schafft, und er wird der Sozialdemokratie die entsprechende Vertretung einräumen, die Redner im Hause gerne sehen wird, wenn er auch ihr überzeugter Gegner wird. Tabei bleiben alle bisherigen Parteiverhältnisse aufrecht. Me Parteien haben ein Interesse an der Durchführung dieser Wahlreform, nur der Großgrundbesitz nicht, der ja eine schmerzliche Zweiteilung erleidet, die freilich nicht so barbarisch ist wie die Schraffl ' sche Vierteilung. Und trotzdem wolle der Großgrundbesitz das Hans zwingen, Farbe zu bekennen und sich; nicht an der Wahlreform vorbeizuschleichen. Es sprach nun der christlichsoziale Mg. Dr. Schöpfer, der betonte, daß der Antrag Graümayrs nicht zur Arbeitsfähigkeit des Tiroler Landtages beitrage und demselben einen kostbaren Vormittag raube.. Erst sollen auf beiden Seiten gewisse wirtschaftliche Angelegenheiten geordnet werden, dann erst solle man zu ananderen Dingen übergehen. Die Arbeitsfähigkeit des Landtages sei ohnehin schon wieder bedroht; in den Straßen von Innsbruck erzählt man sich davon in offener Weise ( Rufe: Wovon?) Redner forderte angestrengte Arbeit. ( Tr. v. Grabmayr: Tann dürfen die Herren nicht schon an jedem Freitag abends heimfahren, um erst am Dienstag morgens wieder zu kommen.) In Fortsetzung seiner Rede verwahrte sich Mg. Dr. Schöpfer ( christlichsozial) dagegen, daß inan Steuerlose und Steuerzahlende unterscheide. Durch die indirekten und. Blntstenern trägt jeder zu den Staatslasten bei. ( Rufe: Sehr richtig.) Wir haben schon Beispiele demokratischer Verwaltungen und diese zeigen, daß sie nicht so schlecht sind, wie sie der Herr Mg. Dr. v. Grabmayr hinstellt. Wenn die Reichen jederzeit ihre Pflicht getan hätten, so würde die neue demokratische Bewegung gar nicht entstanden sein. Und wenn sich Dr. v. Grabmayr über die zahlreichen Eingaben aufhäsi, die ans den Tisch des Hauses flattern, so sage ich Ihnen, das ist der Notschrei des Volkes. ( Großer Beifall bei den Christlichsozialen.) Redner verwahrte sich weiter dagegen, daß man die Wahlreff rmgrundlagen Von 1905 als die eirrzig richtigen bezeichnen. Er wiederholte nochmals, daß man zuerst die zahlreichen Wasser und Straßenbauten und die vielen wirtschaftlichen Angelegercheiten ordnen und dan § n erst die Wahlreform beraten solle. Mg. Schrafsl ( christlichsozial) polemisierte zuerst in humorvoller Weise gegen einzelne Wendungen, die Wg. v. Grabmayr gebrauchte und ging dann auf den Inhalt der Frage ein. Er (Redner) ssi als Referent der Nachfolger GrabirratzrZ in Wahlresorm - Angelegenhesten und habe eben auch nicht mehr Glück gehabt als dieser. Man müsse bedenken, daß eine Wahlreform nur mit Zustimmung der Minorität möglich sei, aber die Herrschaft der Minorität dürfe nicht zu strenge sein. Der jetzt vorliegende Wahlreffriwentwurf entspricht auch der persönlichen Ansicht des Redners nicht, der am liebsten das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht sehen würde. Abg. Schrafsl gibt zu, daß man einen Unterschied zwischen Reichsrat und Landtag machen müsse, aber man müsse zu mindesten das durch die Reichtsratswahlresorm sestgelegte Verhältnis zwischen Stadt und Land und zwischen den Nationalitäten als Grundlage für den Landtag annehmen. Wenn man die Beratung über diese Fragen neuerdings vornehmen will, verzögere man die Landtagswahlreform nur; man werde wieder Monate brauchen, um zu einem Ziele zu kommen. Redner stellte an die Minorität di Bitte, loyal den Forderungen der Majorität entgegenzukommen. Abg. Dr. Christo rnannos ( deutschfreiheitlich) bekannte sich als Anhänger des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes und wandte sich sodann gegen die Ausführungen Dr. Schöpfers. Das Volk wolle nicht nur Waffe rund Straßenbauten, sondern auch die Wahlreform. Die Christlichsozialen dürfen diesbezüglich nicht Vogelstraußpolitik
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 7. Oktober 1908, S. 17, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8460-debatte-um-die-tiroler-wahlreform-mit-forderung-nach-direktem-1908).

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