Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
TIROL SUBVENTIONIERT DIE BETTLER

Kritik an der subventionierten Aufnahme von Fremden und Bettlern in Kufstein

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 1. Juni 1910 · Seite 5 · #Bettler
Fremdenverkehr.) Aus Kufstein schreibt man uns: Außer dem Fremdenverkehr, der von allen Wirten des Landes begrüßt wird, gibt es auch, einen anderen, der weniger willkommen ist, nichts destoweniger aber von Staat, Land und Gemeinden ruhig „ subventioniert " und nirgends mehr gefühlt wird, wie an der Tiroler Landesgrenze in Kufstein. Schon wenn man das neue Kufsteiner Gerichtsgebäude betrachtet, sieht man die Fürsorge, welche diesen „ Fremden " gewidmet wird: Der Amtsvorstand hat seine Wohnung ans der rauhen Nordseite, so daß ' seine Zimmer nur mit dem Aufgebote großer Heizvorräte zu erwärmen sind, das Hotel der Zwangsgäste hingegen liegt auf der sonnigen Südseite und von ihren Fenestrn aus eröffnet sich ihnen der herrlichste Ausblick durch das ganze Jnntal. Demgemäß ist dieses Hotel auch immer gut besetzt. Viele erzwingen sich den Wiederbesuch durch gesetzliche Mittel. Sie betteln im Angesicht der Hermandad und lassen sich arretieren und wieder arretieren, nur um im Winter diesen für sie einzig schönen Aufenthalt, die warme Stube und die gute Küche benützen zu körmen. Neben diesem Hotel gibt es hier ein zweites, das sogenannte „ Schublokal ", hauptsächlich für Durchreisende bestimmt. Im Jahre 1909 wurden in 343 „ Lieferungen " 819 Reisende teils nach Österreich, teils gegen Deutschland befördert. Hiesür sind dem Lande 4500 Kronen an Kosten erwachsen. Manchmal bleiben die Gäste auch länger. So blieb eine Zigeunerfamilie fast ein halbes Jahr und es erwuchsen hiefür über 1200 Kronen Verpflegskosten. Aber auch freie Reisende sprechen in Kufstein vor. Diese kommen aufs Rathaus. Die Stadtgemeinde hat im Jahre 1909 an 700 Reisende 1362 Kronen an Vorschüssen bezahlt und an 430 wandernde Leute ( hauptsächlich Ausländer) 216 Kronen an Geschenken verteilt. Sv manches ehrliche Elend wurde unterstützt und erleichtert, aber der Großteil " des Geldes geht an Leute verloren, denen der Sommer zum Genießen, der Winter zum Betteln dient, an Leute, die überhaupt nicht arbeiten wollen. Ein Großteil der Steuern, die auf diesen Konto gebucht werden, könnte würdigeren Armen und der Jugendfürsorge gewidmet werden. Aber Tirol wird stets das Eldorado der wandernden Bettler bleiben, weil man sich nicht entschließen kann, dem Professionsbettel gesetzlich! zu steuern. Lieber fördert man denselben und zahlt im ganzen Lande ganz bedeutende indirekte Steuern, als daß man die Beseitigung des Hausbettels in die Wege leitet.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 1. Juni 1910, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8738-kritik-an-der-subventionierten-aufnahme-von-fremden-und-bettlern-in-1910).

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