Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
KLINIK OHNE WAHRE TRENUNG

Überfüllung der neurologisch psychiatrischen Klinik im Innsbrucker Krankenhaus ruft Sorge hervor

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 22. Juni 1910 · Seite 18
Dies ist die Erweiterung der neurologisch psychiatrischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus in Innsbruck. Wir haben in Innsbruck keine staatliche Krankenanstalt, sondern die Kliniken, welche sozusagen die praktischen Lehranstalten für die Ärzte bilden, befinden sich im städtischen, öffentlichen Krankenhause. Der Staat leistet zu den Kosten Teilbeiträge. Diese Kliniken sind alle — besonders die chirurgische — ständig überfüllt und viele Hilfe suchende Kranke müssen wegen Platzmangels abgcwiesen werden. Dieser Übelstand wird von der mittellosen Bevölkerung selbstredend als schwere Not empfunden und bildet eine ständige Klage, da für manche arme Kranke „ Sein oder Nichtsein " von der Aufnahme ins Krankenhaus abhängt. Unbeschreiblich traurig und geradezu trostlos sind nun die wegen Platzmangels eingetretenen Zustände in der neurologisch psychiatrischen Klinik. In dieser Klinik, die im Jahre 1894 für 52 Betten eingerichtet wurde, werden nun durchschnittliche 70 bis 80 Kranke untergeüracht, was nur mittels Errichtung von Notlagern und nur bei einer drückenden Überfüllung aller Räume und Gänge möglich ist. Selbstverständlich ist dies für die Kranken ein schwerer Nachteil, der die Genesung oft verzögert, in Manchen Fällen sogar unmöglich macht. Wegen dieses Platzmangels muß auch bei der Aufnahm » - schr rigoros vorgegangen und es müssen oft gebesserte Kranke zu früh wieder aus der Klinik verabschiedet werden, was in vielen Fällen die traurigsten Folgen für die Kranken und für deren Angehörige nach sich zieht. Dazu kommt noch das Entsetzliche, daß in diesen überfüllten Räumen Kinder und Erwachsene, gutartige und bösartige Geisteskranke zusammengedrängt werden, was für erstere eine wahre Pein und direkt lebensgefährlich ist. Eine entsprechende Überwachung dieser Kranken ist unter solchen Umständen unmöglich und es ist daher gar nicht zu verwundern, daß dort vor zwei Jahren ein Kranker Selbstmord verübte. Und trotz dieser fürchterlichen Zustände hat diese Klinik, dank dem hingebungsvollen Wirken des Vorstandes und seiner Assistenten ganz wunderbare Heilerfolge zu verzeichnen, selbst bei solchen Patienten, für deren Genesung in der Privatpflege schon jede Hoffnung aufgegeben war. Jedes Jahr werden Hunderte wieder ihrem nützlichen Berufe zurückgegeben, Väter werden wieder die Ernährer ihrer Familien, Kinder die Stütze ihrer Eltern. Sie alle bilden wieder als gesunde, arbeitsame Menschen ein wertvolles Kapital für die Gesellschaft, für die Gemeinden und für den Staat. Um wie viel erfolgreicher und um wie viel segenbringender müßte das Wirken der Ärzte in einer solchen Klinik sein, wenn Einrichtungen geschaffen würden, daß eine der fortgeschrittenen Heilwissenschaft entsprechende Behandlung der Kranken möglich wäre.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 22. Juni 1910, S. 18, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8750-ueberfuellung-der-neurologisch-psychiatrischen-klinik-im-1910).

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