Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
MÖTZ PROTESTIERT GEGEN „SCHMAHUNG“

Die tirolischen Dörcher, ihr Leben, ihre Karren und ihre Wanderungen durchs Land

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 24. September 1910 · Seite 2
Juli dieses Jahres der Negierung ein Memorandum des Rektors der Wiener technischen Hochschule Doktor <u » qdr « » verv » irit.) Die Dörcher. Skizze von I. Weber. Wer zur Sommerszeit das Land Tirol durchwandert, dem begegnet auf staubiger Straße nicht selten ein unheimliches Gesindel, das durch seinen zudringlichen Bettel jeden Vorübergehenden belästigt und einen elenden Karren mit sich führt, aus dem eine Schar kleiner Kinder herausschauj. Es sind die „ tirolischen Zigeuner ", Dörcher genannt, ein sonderbarer Schlag von Menschen, welche ihre eigene Sprache, ihre eigenen Gebräuche und ihre eigene Poesie haben. Wer kennt nicht das Dörcherlied *), welches in selisamem Gemisch von Spaß und Ernst die Grundsätze der Dörcher zum Ausdruck bringt. Die Dörcher haben ihren Stammsitz in den armen Dörfern Mötz und Schönwies im Ober - inntal und Stilfs im Binschgau. Eine Dörcherfamilie besteht in der Regel aus vielen Köpfen, dem Manne, seinem Weibe, oder, besser gesagt, der Mutter von zahlreichen schmutzigen Kindern, die aufwachsen wie das liebe Gras, weil ihre Erziehung ganz vernachlässigt wird. Nicht selten befindet sich im Gefolge einer solchen Bande auch die alte Mutter des Weibes, welche i) Aus „ Gedichte im Tiroler Dialekte " von K. v. £. Innsbruck 1854, bei Felizian Rauch. die Ausgabe hat, Kundschaft einzuholen, Absatzo. rte auszuspähen, Kuppelgeschäfte abzumachen, die Kinder zum Bettel abzurichten und » ähnliche ehrenvolle Rollen zu spielen. Den Dörchern ist das Wandern zur zweiten Natur geworden. Im Frühjahre, wenn der Kukkuck ruft und für den Bauer die harte Feldarbeit beginnt, vxrlassen sie mit ihrem Anhang die Heimat, um als Kesselflicker, Korbflechter, Scherenschleifer oder Geschirrhändler „ durch das Land zu gehen "; deshalb heißt man diese Wandervögel auch „ Laniger ", d. h. Landgeher. Der Name „ Dörcher " soll aus dem Worte „ Theriaker " entstanden sein. So nannte man früher solche herumziehende Leute, die sich mit dem Verkauf des Theriak beschäftigten, der einstens eine geschätzte Wunderarznei gewesen ist. Vom Volke werden die Dörcher gewöhnlich „ Kärrner" oder „ Karrenzieher " genannt, weil sie aus ihren Wanderzügen einen zweirädrsgen, rohgearbeiteten Karren i) 2) bei sich haben, den sie meistens selber ziehen, und über welchen aus starken Haselreifen die „ Blache " gespannt ist, ein weißes Segeltuch, das hinten durch einen Strick zusammengeschnürt und an einem eisernen Haken befestigt ist. Der Karren hat eine doppelte Deichsel, das sogenannte Gestänge, und an sei- 2 Besser situierte Dörcher haben einen vierrädrigen Wagen, welcher mit einem mageren Pferde bespannt ist. nem Boden ist rückwärts ein dicker, unten gekrümmter Holzprügel angebracht, der als „Schrepfer " dient und das Umschnappen des Karrens verhindert, wenn das Gestänge vorn in die Höhe gelassen wird. Auf dem vorderen Teile dieses erbärmlichen Fuhrwerkes hängen unter der Blache einige Vogelsteigen, angefüllt mit Stieglitzen, Meisen und anderen gefiederten tzängern, die sür den Verkauf bestimmt sind.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 24. September 1910, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8785-die-tirolischen-doercher-ihr-leben-ihre-karren-und-ihre-wanderungen-1910).

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