Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
ZWEITES GLEIS GEGEN DEN BERG

Für eine neue Bahnlinie St. Johann – Waidring statt zweiten Geleises auf alter Trasse

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 10. Jänner 1912 · Seite 7 · #Giselabahn
Doppelbahn ohnehin schon durchbricht. Wie dann bei einer halbstündigen Zugfolge an dem schmalen Bahnkörper die Abbauten und Anschüttungen vorgerMmmen werden sollen, dürfte auch für den Techniker rätselhaft sein. Kurz gesagt, auf Schritt und Tritt fast unübersteigbare Schwierigkeiten, welche die Anlage ganz kolossal verteuern müssen und zu unserem besten Bundesgenossen zählen. Dazu kommt noch die ungünstige Lage der Trasse überhaupt, mit den riesigen Steigungen und gefürchteten Schneeverwehungen, welche gerade der Militärverwaltung zu denken geben sollen. Dagegen Haben wir über Loser — Waidring die denkbar günstigsten Terrainverhältnisse. Bon St. Johann aus zuerst das weite Tal der Großache, daun sanft ansteigendes Terrain zur 180 Meter tiefer als Hochfilzen liegenden Wasserscheide bei Waidrmg; von dort über den Paß Strub nach Loser — Saalfelden, wenn auch größere Schwierigkeiten, so doch Gelegenheit zu günstiger Entwicklung der Trasse, welche nach dem Vorprojekt Frugowitz 15 pro Mille Steigung nicht überschreitet und daher eine wesentlich größere Fahrgeschwindigkeit gestattet, welche den Umweg ohne weiters ausgleicht. Die Bedenken wegen Bahnerhaltungen und Bahnaufsicht fallen auf den ersten Blick in sich zusammen, da es sich um eine ganz neue Bahn mit vielversprechendem Frachten und Turistenverkehr handelt und sich in unserem vielmaschigen Netze nicht am schlechtesten rentieren wird. Nun kommt der Kern unserer Frage und Agitation: Es ' gilt, den rührigen Ortschaften, welche durch die hohen Berge von der Welt abgeschlossen sind, endlich die langersehnte Verbindung und diesen landschaftlich \o bevorzugten Punkten ihre volle wirtschaftliche Entwicklung zu verschaffen. Welche Verkehrsmöglichkeiten die Anziehungskraft dieser Gebiete anszulösen vermag, zeigt am schlagendsten die Frequenz der Antomobillinie im heurigen Sommer, welche in drei Monaten für 35. 000 bezahlte Karten die Summe von 70. 000 Mark erbrachte. Die Bewohner dieser Gegenden sind sich wohl bewußt, daß bei der Finanzlage des Staates der ersehnte Bahnanschluß auf unbestimmte Zeit vertagt ist, wenn der erste Spatenstich für das zweite Geleise auf der alten Strecke getan wird. Es ergeht daher ein feierlicher Appell an die öffentliche Meinung, besonders an die Presse der betelligten Länder mtb an unsere Abgeordneten, gegen eine solche beispiellos unfruchtbare Verwendung von Nationalvermögen energisch Protest zu erheben! Sollen wegen einer rein betriebstechnischen Sache von untergeordneter Bedeutung, wie es die Teilung des Verkehres auf den Zwischenstationen St. Johann — Saalfelden aus den beiden Parallelstrecken sein wird, so wichtige volkswirtschaftliche Interessen, wie die Erschließung des Saalachtales und der Strecke St. Johann — Waidring sind, preisgegeben werden? Wir glauben, daß nicht bald einmal wenige Millionen, welche die Mehrkosten betragen würden, besser und wirtschaftlich rentabler angelegt worden sind. Wir hoffen, daß in dieser Sache noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, sondern daß nicht nur das Eisenbahnministerium, sondern auch der Handels und Arbeitsminister zu Wort« kommt und ihren wichtigen Einfluß geltend machen. Die Regierung würde sonst das Odium ans sich laden, w ider besseres Wissen bedeutend!! wirtschaftliche Interessen einem fiskalisch unfruchtbarem Prinzip geopfert zu haben und sich
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 10. Jänner 1912, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/8990-fuer-eine-neue-bahnlinie-st-johann-waidring-statt-zweiten-geleises-1912).

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