Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
TOD AUF DER GEISTLICHEN KANZEL

Schwere Ohnmacht und Tod des Stiftskanonikus Wiedemayr während der Schulmesse in Jnnichen

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 12. Juli 1912 · Seite 4
(Am Altäre plötzlich zusammengebrochen.) Aus Jnnichen wird uns berichtet: Am 11. d. M. wurde der hochw. Stiftskaüoui. kus und ehemalige Religionsprofesfor der k. k. Lehrerinnenbildungsanstalt in Innsbruck, Leonhard Wiedemayr, als er in der St. Michaels - Pfarrkirche die Schulmesse las, von einer schweren Ohnmacht befallen und siel über die Altarstufen auf den Steinboden der Kirche, wobei er nebst anderen Verletzungen einen schweren Schädslbruch erlitt. Nachdem ihm die Absolution erteilt worden war, wurde der Bewußtlose mittels einer Tragbahre in seine Wohnung gebracht, wo Dr. Friedrich Brunner den allgemein verehrten und bei allen Bevölkerungsschichten wegen seiner Herzens und Charaktereigenschaften beliebten Patienten in Behandlung nahm. Leider verschied Wiedemayr gegen halb 6 Uhr abends, ohne das Bewußtsein wieder erlangt Zu haben — Stiftskanonikus Leonhard Wiedemayr, geboren in Kartitsch am 17. Jänner 1853, wurde zum Priester geweiht am 22. Juli 1877 und wirkte bis zu seiner am 23. Oktober 1902 erfolgten Ernennung zum Stistskanonikus von Jnnichen länger als ein Dezennium als Religionsprofessor an der k. k. Lehrerinnenbildungsanstalt in Innsbruck. 1910 wurde er von dem nunmehr verstorbenen Fürstbischöfe von Brixen zum geistlichen Rate ernannt. Außer seinem priesterlichen Berufe widmete sich Wiedemayr mit großem Eifer auch der literarischen Tätigkeit namentlich als pädagogischer Schriftsteller und Historiker. Hervorzuheben ist namentlich, das zweibändige Werk „Die Hofmark Jnnichen ", eine Geschichte und die Beschreibung des Ortes und des Stiftes Jnnichen. Auch den Bestrebungen des Verschönerungsvereines, dessen arbeitsfreudiges Ausschußmitglied Wiedemayr durch mehrere Jahre gewesen, brachte er stets das wärmste Interesse entgegen. Eine große Schar von Armen, von Studenten, sowie auch von Eltern, die in allen Lagen des Lebens an Wiedemayr einen stillen Wohltäter oder Berater fanden, wird die Kunde von seinem Hinscheiden mit Trauer vernehmen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 12. Juli 1912, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/9061-schwere-ohnmacht-und-tod-des-stiftskanonikus-wiedemayr-waehrend-der-1912).

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