Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
STEUERGELD VERSCHWUNDEN, AMTSMANN GEFASST

Prozess um angebliche Veruntreuung durch Amtsdiener Anton Wöll

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 13. Juli 1868 · Seite 4 · #Betrug und Veruntreuung
Aus dem Gerichtsfaale. Am 10. und 11. d. Mts. stand vor den Schranken des hiesigen k f. Landesgerichtes der städtische Amtsdiener Anton Wöll, 33 Jahre alt, von hier, verehelicht, Vater von 8 unmündigen Kindern, angeklagt deS Verbrechens der Veruntreuung u. deSBetrugeS. Nach den gewöhnlichen einleitendenFormalien verlas der Herr Staatsanwalt die Anklageschrift, der wir folgendes Wesentliche entnehmen: Mit Dekret vom 19 Jänner 1862 Nro. 8 des hiesigen Stadtmagistrates wurde Anton W ö l l als Amtsdiener provisorisch, probeweise, mit einem Taggclde von 80 kr. ö. W. und gegen Leistung einer Diensteskaution im Betrage von 500fl. R. - W. angestellt und zur Dienstleistung dcmStadt - Kammeramte zugewiesen. Laut Inhalt des erwähnten AnstellungS - DekretcS hatte Wöll in obiger Eigenschaft vorzüglich die Verpflichtung, die verschiedenen Steuergelder nach Anweisung des Stadtkammeramtes von den Partheien in Empfang zu nehmen und an die Stadtkasse abzuführen, und zwar täglich, oder wenigstens jeden zweiten Tag, sowie die in den Händen habenden, nicht realisirten Steuerscheine durch den Stadtkammeramts - Kontrollor inkontriren zu lassen. Hievon wurde unter gleichem Datum das Stadtkammeramt mit der Weisung verständigt, dem Kontrollor diesfalls den angemessenen Auftrag zu ertheilen. Am 25. Juli 1862 hat dann Wöll den vorgeschriebenen Diensteid namentlich dahin abgelegt, die ihm anvertrauten Gelder ungesäumt dorthin zu überbringen, wohin sie ihrer Bestimmung nach gehören, und Zahlungen rechtzeitig anzunehmen und abzuführen. Insbesondere oblag dem W ö l l die Einhebung folgender Gelder: 1. deö städtischen Aufschlages von Wein, Branntwein, Bier u. s. w.; 2. der Aerarial - Grundsteuer sammt den verschiedenen Zuschlägen; 3. der Aerarial- Erwerbsteuer sammt Zuschlägen; ck. anderer vom Stadtkammeramte ihm zur Einbringung anverkrauten Beträge; 5. der Zinsen für die Stadtkommune bei der ständischen « und Landeshauptkasse; und 6. in den erste » Jahren seiner Dienstleistung auch der Einkommensteuer - Rückstände auf Grund der vom k. k. Steueramte übermittelteten Rückstandsverzeichnisse. Diese dem Wöll zur Einhebung anvertrauten Gelder waren sehr bedeutend, indem z. B. die Aerarial - Grund und Erwerbsteuer im Jahre 1866 31. 300 fl, dann die betreffenden Gemeindeumlagen 26 790fl., zusammen also 58. 090fl., und die von W öll im Jahre 1867 behobenen städtischen Aufschlaggelder 19. 336 fl. 86y 2 kr. betragen haben.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 13. Juli 1868, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/2166-prozess-um-angebliche-veruntreuung-durch-amtsdiener-anton-woell-1868).

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