Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
BLATTERNSPITAL UND DER OBDUKTIONSSKANDAL

Erläuterungen zum Vorgehen am Blatternspital nach Aeußerungen des Herrn Bürgermeisters

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 30. November 1874 · Seite 9
M. vom Herrn Bürgermeister der Landeshauptstadt Innsbruck in Angelegenheit desBlatternspitales gemachtenAeußerungen. Aus dem Berichte des „ Tiroler Boten " vom 25. und 26. d. M. ersah ich mit Staunen, in welcher Weise der Herr Bürgermeister über meine Wirksamkeit am hiesigen Blatternspital einem löblichen Gemeinderathe die werkwürdigsten Mittheilungen machte. Ich finde mich daher veranlaßt, denselben — wie sie der „ Tiroler Bote " reprovucirte — die nachstehenden Erläuterungen folgen zu lassen. Jeder Unbefangene erkennt in den vom Herrn Bürgermeister gebotenen Schilverungen der „ Sectionen " und „ Experimentalkuren " sofort, daß es darauf abgesehen war, die Gemüther der Laienwelt aufzuregen. Es ist nicht wahr, daß ich „ bei offener Thur " secirte, wie man dies aus der Darlegung des Herrn Bürgermeisters glauben sollte; die Seclion geschah in einer vom Magistrate eigens zu Obductionözwecken erbauten, eigens mit den zur Obduktion nothwendigen Mobilien ausgestatteten Kammer, die in einer Ecke des zum Blatternspitale verwendeten Gebäudes sich befindet, so daß sie selbst den mit den Lokalitäten Vertrauten nicht auffällt. Die Leichenuntersuchung überhaupt wird aber, zumal an Orten, wo eine medicinische Schule sich befindet, gewiß zu keinem Aergernisse Veranlassung bieten. In unserem Falle beruft sich aber der Herr Bürgermeister auf einen Beschluß des Sanitätsrathes nach welchem die Leichen von Blatternkranken sofort in eines der städtischen Leichenhäuser zu tranSportiren seien. Jeder Fachmann weiß, daß es sich bei bie > em Beschlüsse nur darum handelt, das Contagsium aus Räumen, wo auch Gesunde wohnen, sobald als möglich wegzuschaffen: nun aber stellt ja ein Blatternspital und somit auch eine an dasselbe anstoßende Sectionskammer ein für sich abgeschlossenes Gebäude dar, in dem nur Blattern kranke sich befinden, ein Gebäude, das, wenn es überhaupt eine abgeschiedene Lage hat, die möglichst geringe Gefahr für die Verbreitung des Contagiums in sich birgt. In Anbetracht dessen habe ich den Beschluß des Sanitätsrathes, der sich offenbar nur auf Blatternleichen in Prioatwohnungen bezieht, nicht auf die im Blatternspitale Verstorbenen bezogen; und daß meine diesbetreffende Auffassung eine richtige war, belehrte mich die nachträgliche Unterredung mit dem Sanitätsrathe Herrn Prof. Hofmann und mit Herrn Mag. - Rath Dr. Werner, welch ' letzterer mir auch noch ausdrücklich bemerkte, daß er sich in ähnlichem Sinne auch dem Herrn Bürgermeister vis a vis
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 30. November 1874, S. 9, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/3426-erlaeuterungen-zum-vorgehen-am-blatternspital-nach-aeusserungen-des-1874).

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