Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
SARGGEWINSEL IN DER LEICHENKAPPELLE

Scandalöser Vorfall in der Leichenkapelle zu Pradl – Leiche einer Verstorbenen unverschlossen gelassen und von Schülern beschädigt

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 2. April 1881 · Seite 4
(Passionsspicle.) Bezugnehmend auf das heutige Inserat über die im Gebäude des k. k. und National Theaters während der Charwoche ab Palmsonntag stattfindenden Passionsspiele, darstellend das Leiden Christi nach Oberammergauer- Muster, sind dieselben nach vorliegenden Journalberichten von ergreifender Wirkung und versetzen den Zuschauer durch ihre wahrheitsgetreue Darstellung in die weihevollste Stimmung, die ganz dem Ernst der Woche entspricht (Ein Aergcrnis.) In Pradl verschied am 21. März abends die 4ljährige Fabriksarbeiterin Maria Roßbach nach sehr kurzer Krankheit eines unversehenen Todes. Die Leiche wurde andern Tags früh im Aufträge des Arztes, der die Section vornehmen wollte, wozu sich aber in dem Hause, wo bte Verstorbene gewohnt hatte, des Raunimangels wegen keine Gelegenheit bot, in die Leichenkapelle überbracht. Dort lag die deiche, nur in ein leichtes Nachtkleid gehüllt, bis über Mittag im Sarge, dessen Deckel leicht mit einigen losen Nägeln verschlossen war. Die Kapelle selbst wurde weder geschlossen noch bewacht. Einige schlimme Jungens kamen während der Zeit zur Kapelle, sahen da den Sarg,, nahmen den Deckel mit leichter Mühe ab, trieben ihr Gespötte über die nicht geziemend bekleidete Leiche und riefen auch andere leichtfert ge Kameraden herbei. Dem Scandal machte endlich ein vorübergehender Fremder ein Ende, der in einem benachbarte » Hause sich Nägel erbat und den Sarg fest vernagelte. Das ist der richtige Thatbestand, der in beiheiligten Kreisen soviel Aergernis verursacht und heute noch das Tagesgespräch auch über dieselben hinaus bildet. Wir erhielten darüber schon vorige Woche Mittheilungen; dieselben enthielten aber, wie sich über unsere persönlichen Nachforschungen herausstellte, Unrichtigkeiten, Uebertreibungen und persönliche Gehässigkeiten, so dass wir dem Berichte vorläufig die Aufnahme versagten. Weil aber die Geschichte heute nach mehr als einer Woche noch nicht ruhen will, so veröffentlichen wir den Thatbestand dieses scandalösen Vorfalls, in der Hoffnung, dass dies zur Verhütung ähn-
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 2. April 1881, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/4254-scandaloeser-vorfall-in-der-leichenkapelle-zu-pradl-leiche-einer-1881).

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