Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
PRIESTER MIT PARLAMENTSSPRACHE

Tod des ehemaligen Landtagsabgeordneten und beliebten Religionslehrers Greuter

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 23. Juni 1888 · Seite 4 · #Tiroler im Reichsrat
11 Uhr vormittags nach längerer Krankheit an der Wassersucht. Josef Greuter war zu Tarrenz im Oberinnthale am 1. Oktober 1817 geboren und am 31. Juli 1842 zum Priester geweiht. Nachdem er zunächst in der praktischen Seelsorge u. zw. seit 30. Juli 1843 als Hilfepriester zu Mieming, dann seit 26. Jänner 1846 als Kooperator zu Flaurling thätig war, wurde er im Jahre 1850 als Religionslehrer an das hiesige k. k. Gymnasium berufen. Als Professor wußte er die Herzen seiner Schüler durch seinen frischen Geist, durch einen vertrauenerweckenden Verkehr mit denselben in seltenem Maße zu gewinnen, er war einer der beliebtesten Professoren dieser Anstalt. Wenige Jahre nach Beginn des Verfassungslebens in Oesterreich vertauschte er vie Lehrkanzel mit der Tribüne des Parlaments. Im Jahre 1864 wurde er von den Bezirken Landeck, Ried und Nauders in den Landtag gewählt von diesem in den Reichsrath geschickt, von dem er in den späteren Jahren zu wiederholten Malen in die Delegation entsendet worden war. Von der Zeit an, als er sich der Politik widmete, war er ein begeisterter Vertreter der klerikalen Interessen und insbesondere in den ersten Jahren seiner politischen Thätigkeit, als die Frage der Glaubenseinheit die Gemüther in Tirol bewegte in und außer dem Landtage, ein unermüdlicher Vorkänipfer für dieselbe. Durch seine urwüchsige Beredtsamkeit hatte er das Zeug zu einem Volksführer, wie hier zu Lande wenigstens, * vor ihm wohl selten Jemand. Sein Auftreten bet verschiedenen Volksversammlungen — wir erinnern nur an das große Schützenfest zuLana, 1861 auf dem er zuerst vor dem Volke für die Glaubenseinheit sprach, an die Volksversammlung in Hippach, wo er, sich selbst mit einem „Streitrosse " vergleichend, gegen den Liberalismus anstürmte, — beweisen es zur Genüge. Wäre der Mann zur Zeit der sozialen Bewegung des dritten Standes und der gezenrefornlatorischen Bestrebungen der Regierung vor drei Jahrhunderten auf der Bühne der vaterländischen Geschichte erschienen, er hätte sicherlich den beiden Bewegungen den Stempel seiner eigenen Persönlichkeit aufgedrückt. In unserm mehr verflachten und staatlich bevormundeten Zeitalter ist es einer noch so ursprünglichen, noch so tief im Volksleben wurzelnden Natur, nur unter ganz außergewöhnlich seltenem Zusammentreffen günstiger Umständen möglich eine so bestimmende und führende Rolle zu spielen, wie sie Mons. Greuter vermöge seiner natürlichen Begabung unter anderen Umständen zu spielen berufen gewesen wäre.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 23. Juni 1888, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5132-tod-des-ehemaligen-landtagsabgeordneten-und-beliebten-1888).

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