Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
TIROLER STOLZ MIT KANNIBALISCHEN ZÜGEN

Kritik an der Darstellung des Tiroler Patriotismus in Praxmarers 'Pestkapelle'

auf künstlerische Einheitlichkeit sehr zu kurz kommen muss, begreift sich leicht; und in der That hängen die beiden Abtheilungen kaum durch einen schwachen Faden miteinander zusammen. Es ist schade, dass die hübsche Erzählergabe Praxmarers, dieses fleißigen und fruchtbaren Schriftstellers, sich allzusehr ins Breite, ja manchmal geradezu ins Triviale verliert. Niemand sollte mehr als der Volksschriftsteller der Pflicht eingedenk bleiben, auch in der Form der Darstellung nur Wohlbedachtes und irgendwie Bedeutsames zu bieten. Was macht den hohen Reiz der einfältigsten Geschichten Roseggers aus? Gewiss in allererster Linie die Unmittelbarkeit, Frische, Wahrhaftigkeit und Anmuth seiner Rede, der wir auch dann noch gern lauschen, wenn sie einem geringen Gegenstand gilt, über den der Unbegabte nichts oder nichts Rechtes zu sagen weiß. Mit dem Rothstift sollte der Herausgeber eines Buches, dessen Verfasser nicht mehr lebt, dafür Sorge tragen, dass nirgends Langweile und Ermüdung auskomme, zumal, wenn er, wie im vorliegenden Falle, das Recht in Anspruch nimmt, eine verbesserte Auflage ji redigieren. Auch dem Geiste, welcher die; e „ Pestkapelle" durchweht, vermag ich nicht jenes Lob zu spenden, welches ich seinerzeit dem „ Auswanderer aus dem Zillerthal " zollte. Es ist ein eigenes, ein chauvinistisches Tirolerthum, das in der „ Pestkapelle" verherrlicht wird. Unsere Freiheitskämpse sind nach des Verfassers Anschauung natürlich einzig und allein der allgemeinen Besorgnis und lieber- ■ zeugung zu danken, dass der Glaube gefährdet, ä dass die Religion der Väter bedrohr war. Und es setzt sich in den Herzen der guten Tiroler ein Hass fest gegen die Unterdrücker, der so gar nichts Christliches, dafür aber viel Kannibalisches an sich hat. Dieser fanatische Ingrimm erfüllt schon die Seele von Knaben und unreifen Buben, welche sich geberden, als stünden sie auf der Hochwacht, von der aus die höchsten Güter der Menschheit geschirmt werden. Und die Eltern bestärken solche Gesinnung und schmunzeln, wenn die Rangen vom! „ Boarnderschlog ' n " prahlen » und danken Gott, dass ihre Sprösslinge so wacker gediehen sind! Läge in einer Tapferkeit solcher Art der wahre Geist jener Tage, dann dürften wir herzlich froh sein, dass sie der Geschichte angehören. Diesen Patriotismus des Menschenhasses, des Blutdurstes» der Roheit und der Selbstve! himmelung wollen wir unserer Jugend nicht einpflanzen — auch auf die Gefahr hin, dass Praxmarer seine Alttiroler weinen ließe ob solcher „ Entartung ".
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 27. Juni 1895, S. 9, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5914-kritik-an-der-darstellung-des-tiroler-patriotismus-in-praxmarers-1895).

Weitere Berichte aus der Rubrik „Literatur, Theater & Musik“

DIE TIROLER SEELTEILE DES DICHTERS

Aufführung des lyrisch-dramatischen Festspiels „Walthers Rückkehr in die Heimat“ im Innsbrucker Nationaltheater

Innsbrucker Nachrichten · 30. Mai 1895 · S. 6 · Literatur, Theater & Musik

6 Martin Greif s Beziehungen zu Tirol. Von Franz Tafatfcher. Der gegenwärtige Aufenthalt Martin Greif ' s in Drol bietet bei der großen Beliebtheit, der sich der berühmte Dichter in unserem Lande und speciell in Innsbruc …

✎ Korrektur-Modus Klicke in jede Überschrift oder Transkriptions-Zeile (Enter = nächste Zeile, Shift+Enter = Zeile teilen)
Gesammelt: 0 Artikel |