Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
NAMEN ENTSCHLÜSSELN, NICHT RÄTSELN

Zweite Hefte zur tiefgehenden Ortsnamenforschung in Tirol herausgegeben

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 6. Juli 1895 · Seite 18 · #Tirolensien
überschauen. Es galt, sich der Ueberlieferung zu bemächtigen und dem Ueberlieferten angemessene Kritik angedeihen zu lassen. Bei der Ungeheuern Masse des QneLenmaterials, von dessen Umfang wir Laien in der That keine Vorstellung haben, war die Aufgabe der Sichtung desselben in gleichem Maße schwierig, mühevoll und zeitraubend. Ehe die > e harte Probe be -! harrlichster Ausdauer gelnferi war, konnten die! Gesichtspunkte für eine wissenschaftliche Gruppn j ordnung nicht gesunden werden. Nur eine jahre - lange emsige und hingeoenke Beschäftigung mit! der trockenen und oft unfruchtbaren Statistik zahl - > loser Wortiocmen, unterstützt von topographischen '! historischen und linguistischen Einzelnstudien, konnte die urkundlichen Quellen und weitläufigen Urbare erschöpfen und so nicht bloß ein massenhaftes, sondern vor allem auch ein brauchbares Material schaffen. Nur einen Auszug aus der j gewonnenen Sammlung bieten nunmehr die beiden inhaltsreichen Hefte, welche vom Zweigverein der Leogesellschafl für Tirol und Vorarlberg in der Innsbrucker Vereinsbuchhandlung herausgegeben sind. *) Doch wie verschieden ist hier bie Bearbeitung des überquellenden Stofies vom Frag und Antwortspiel der alten Namendeuter! Das sprachliche Erläuterungsprincip geht allenthalben mit dem ethnologischen Hand in Hand, wobei indes jenem, zumal in Fällen des Zweifels und der Jncongruenz, die entscheidende Autorität gewahrt ble bt. So ist es denn eben so inter s saut zu sehen, was sich beispielsweise aus den Typen amnis - - - - - Fluss, alpis — Alpe, attegia — Hütte, casa — Haus, cuitis und mansus — Hof, fabrica — Schmiebe, podere = Landgut und anderen für die Aufhellung mancher unkenntlich gewordenen Namen ergibt, wie es hübsche Ueberraschungen bereitet, die häufig tief verborgenen Beziehungen zu erfahren, welche zwischen den einzelnen Namen und den Objecten, an denen sie haften, auch dort noch fortbestehen, wo die Verhältnisse längst aufgehört haben, die jenen Wechsel¬ *) Beiträge zur Or tsnamenkundeTirols.! Von Christian Schneller I und II. Heft. Inns -! druck 1893 und 1894. I beziehungeu zugrunde gelegen. Wer käme heute darauf, bei Pitzthrl an ein laleinisches palus, bei Gramart ( am Höttinger Berg) an grava morta, beim oberinnthalischen Fließ an flexus zu denken? Uebrigens fällt es dem Meister der romanischen Namensforschung keineswegs bei, den Glauben hegen oder wecken zu wollen, als sei er im Besitze des Zauberschlüssels, der überall aufthut. — Vieles und Preiswürdiges ist geleistet, nicht minder Vieles aber hart der Lösung, und ein Guttheil davon wohl für immer.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 6. Juli 1895, S. 18, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5917-zweite-hefte-zur-tiefgehenden-ortsnamenforschung-in-tirol-1895).

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