Actenmuterial, die Klagen der einzelnen Gemeinde- Vorsteher bestätigen dies. Wo die Leidenschaft einmal eingerissen, drängt sie zur Befriedigung des Bedürfnisses. Da wird nicht mehr von außen her der Mensch gepfändet, er pfändet sich selbst. Oder ist es nicht Selbstpfändung, wenn er bereitete Speisen, Kleidungsstücke, Leinwand im Krämerladen gegen Branntwein umtauscht? Kein Wunder, wenn dann eine Existenz um die andere zusammenbricht. Der übermäßige Genuss des Branntweins verschlechtert des Blut, greift das Gehirn an, vermehrt das Unglück der Eltern durch blöde Kinder, füllt die Irrenhäuser und Gefängnisse. Aber was trinkt man denn? Schon der Bericht im Jahre 1887 führt an, dass in weiten Kreisen die Liebe zur echten Ware im Schwinden begriffen ist, man will den Fusel. Es ist symptomatisch, wenn man vereinzelnt vernimmt, dass man sich wundert, wie man in einem Hause eine Flasche Petroleum stehen lassen kann. „ Bei uns wäre sie nicht sicher, die Burschen würden sie austrinken ", heißt es. ( Hört!) Was nun die Quellen anbelangt, aus welchen das vom Redner besprochene Uebel fließt, so ist es, führt er aus, zunächst die Gelegenheit. Gelegenheit macht Diebe, aber auch Trinker. Die Gelegenheit bieten die Hausierer, welche von Hof zu Hof ziehen, die größte Aufdringlichkeit entfallen, nicht eher fortgehen, bis sie ein Geschäft gemacht, und die selbst anstatt des Geldes Producte annehmen. Ist einmal ein Fass Branntwein im Haus, so schreit es so lange, bis es leer ist. Man denke sich das Familienleben eines solchen Hauses, in welchem Eltern, Dienstboten, Kindern innerhalb der eigenen Mauern Gelegenheit zum Schnapsgenusse geboten ist. Schon im Landtage wurde ferner als Hauptquelle des Branntweinübels der Kleinverschleiß in Krämerläden angegeben. Im Jahre 1893 wird die Zahl der Branntwein - Verschleißer auf 5700 angegeben, der größte Theil entfällt auf den Verschleiß in Krämerläden. Diese sind die eigentlichen Brutstätten des Uebels. ( Rufe: Sehr wahr!) Im öffentlichen Schanklocale haben sich jene eingefunden, die als Branntweintrinker in den Augen der Bevölkerung nicht mehr in Achtung standen. In die Krämerläden schleichen sich jene, welche sich schämen, vor anderen zu trinken. Dass unter Frauen und Kindern der Branntweingenuss zugenommen, daran trägt der Kleinverschleiß Schuld. Die Weiber kommen in den Laden, vorgeblich um Mehl zu kaufen, und bringen die Schnapsflasche im Sacke mit, dem Bauer wird der Schnaps als Mehl aufgerechnet. Die Kinder kommen, um Süßigkeiten zu kaufen, und werden durch den Branntwein angelockt. Da vereinen sich die Billigkeit, die Schlechtigkeit der Ware und die Geldgier der Verkäufer, um den Menschen zu Grunde zu richten. Der ihnen in die Hand fällt, ist gleich wie einem Wucherer, wie die Fliege der Spinne verfallen. Der Krämer spannt drei Netze aus: Billigkeit, Gelegenheit und durch beide das Netz der Leidenschaft. Wenn im Ausland irgendwo eine Viehseuche ausgebrochen, dann werden die weitestgehenden, lästigsten Maßregeln getroffen, selbst wenn unter Menschen Krankheiten ausbrechen, wird einige Vorsorge getroffen, wird der Verkehr eingeschränkt, werden Apparate in Bewegung gesetzt. Da habe man eine Seuche, die das Volkswohl angreift.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 27. Jänner 1896, S. 2, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6007-kritische-betrachtungen-ueber-den-branntweinverschleiss-und-seine-1896).
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