Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
KEHRSTOFF OHNE KEHRCHAOS

Wilten plant Einführung des staubfreien Kehrsystems „Koprophor“

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 29. Oktober 1901 · Seite 10
Dem Vernehmen nach plant die Gemeinde Wilten eine Action, um diesen Uebelständen, welche auch in Wilten bei der Einsammlung und Abfuhr des Straßen und Hauskehrichts herrschen, gründlich abzuhelfen und zwar durch die Einführung des staubfreien hygienischen Kehrichtsammlers und Verfrachters „Koprophor ", ein in allen Staaten patentiertes Wechselkasten - System. Das System „Koprophor " beruht darauf, dass in allen Häusern, Sanitätsanstalten, Kasernen, Straßen und öffentlichen Plätzen vollkommen hermetisch verschließbare, verzinkte Normalgefäße zur Aufnahme aller Arten Abfallsstoffe aufgestellt werden, und dass diese Gefäße dann in einem mit eisernen Rollbalken vollkommen abgeschlossenen Sammelwagen eingeschoben und zum Abladeplatz geführt werden. Bei Epidemien können die in den Gefäßen eingesammelten Abfallstoffe unter behördlicher Controls vertilgt und die Gefäße dann vollkommen desinficiert in die Wohnhäuser zurückgestellt werden; durch diese Procedur ist jede Ansteckuugs und Uebertragungsmögtichkeit vollkommen ausgeschlossen und behoben, im Gegensatz zu allen anderen Systemen, bei welchen auch Sammelgefäße verwendet werden, welche aber vor den Häusern auf der Straße in die zu diesen Systemen gehörigen Kehrichtwagen überschüttet oder entleert werden wodurch die Gefahr der Ansteckung und Uebertragung epidemischer und infectiöser Krankheiten nicht nur nicht behoben, sondern sogar noch vermehrt wird, da es nicht zu verhüten ist, dass bei der Manipulation mit der Ueberschüttung oder Ueberleerung des Kehrichts ans den Gefäßen in den Wagen vor den Häusern Gefäße nicht ordnungsgemäß entleert werden können, und infolge dessen die Entleerungs - Manipulation umständlich vorgenommen werden muss, wodurch eine Verschüttung oder Verstaubung der Abfallstoffe nicht verhindert werden kann. Zur Einsammlung der mit dem Kehricht der Straßen und öffentlichen Plätze gefüllten Normalgefäße besitzt das System eigens konstruierte eiserne Karren, welche die Gefäße in hiefür erzeugte eiserne Rahmengestelle oder Kioske bringen, um dann jederzeit in vorüberfahrende Sammelwägen eingeschoben und staubfrei zur Entleerung weitertransportiert zu werden. Zur Hintanhaltung der Staubentwicklung beim Einsammeln des Kehrichts auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, ist am unteren Ende des Karrens ein Behälter von nahezu 25 Liter Inhalt angebracht, um die sich auf der Straße gebildeten Staubmassen zu benetzen und den eingesammelten Staub, Pferdemist re. im benetzten Zustande vollkommen staubfrei in die verschließbaren Normatgefäße einzusammeln. Durch die stets mögliche Benetzung des Kehrichts der Straßen und öffentlichen Plätze wird jede Staubentwicklung schon im Entstehen verhindert. Das System hat auch außer den besonderen hygienischen Vortheilen der vollkommen staubfreien Einsammtung und Verfrachtung aller Arten von Kehricht noch den unvergleichlichen Vortheil, dass bei kothigem und schmutzigem Wetter durch das rasche Einsammeln der Kothmassen in die hermetisch verschließbaren Normalgefäße jede weitere Ansammlung von Kothmassen vermieden werden kann. Die Unkosten der Anschaffung des „ Koprophor" werden durch die Ersparnisse der Arbeitskraft reichlich ausgewogen, denn in unglaublich kurzer Zeit werden die bereitstehenden, gefüllten NormalgefLße sowohl von den Häusern, wie von den Straßen und öffentlichen Plätzen abgeholt, gegen leere umgetauscht und staubfrei verladen. Die praktische Verwertung der Abfallstoffe hat in München augenscheinlichen Erfolg durch eine Anlage in Puchheim gefunden. Einer Mitteilung dieser Anstatt zufolge hat dieselbe dem Kehrichte: 60 Waggon Knochen, 60 Waggon Hadern, 80 Waggon Glas, 20 Waggon Eilen, 15 Wiggon Blech, 80 Waggon Papier, der Waggon zu hundert Metercentnern gerechnet, entnommen und der Verwertung zugeführt. Für den Fall, als eine Gemeindeverwaltung sich entschließen würde, den Kehricht zu verbrennen, bietet das System den besonderen Bortheil, dass die in den Häusern, Straßen und öffentlichen Plätzen in den Gefäßen eingesammelten Kehrichtmassen direct in den Ofen zur Verbrennung staubfrei entleert
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 29. Oktober 1901, S. 10, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6858-wilten-plant-einfuehrung-des-staubfreien-kehrsystems-koprophor-1901).

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