Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
VII. ITALIENER – UND ES WIRD LAUT

Störung der Antrittsvorlesung eines italienischen Docenten durch deutsche Studenten an der Universität

(Demonstrationen an der Universität.) Die stetig fortschreitende Utraquisierung unserer Universität, wogegen bereits von berufenster Seite, nämlich vom akademischen Senate, in einem wohlmotivierten Memorandum an die Regierung Stellung genommen wurde, welche Angelegenheit auch schon Gegenstand von Interpellationen im Landtag und Reichsrath war, führte gestern zu einer großen Studentendemonstration. Den nächsten Anlass bot die Antrittsvorlesung des neuen italienischen Docenten für österr. Civilproeess, Dr. Menestrina, der nun bereits der siebente italienische Docent an der hiesigen juridischen Facultät ist. Die Vorlesung war auf 11 Uhr angesetzt. Am Schlüsse des akademischen Viertels erschien er im Saal, in dem sich neben etwa einem halben Hundert italienischer eine große Zahl deutscher Studenten eingefunden hatte. Kaum hatte Dr. Menestrina die ersten italienischen Worte gesprochen, erhob sich ein furchtbarer Lärm. Es wurde getrommelt und gepfiffen, Abzugrufe erschollen, und das wiederholte sich, so oft Dr. Menestrina zu sprechen begann. Vergebens versuchte der Deean der juridischen Facultät, Dr. Demelius, die Ruhe herznstellen. Er richtete an die Studenten eine längere Ansprache, welche aber ohne Wirkung blieb. Der Berichterstatter des „Dir. Tagbl. " bringt deren Wortlaut folgendermaßen: „Ich sehe " — sagte Prof. Demelius — „ dass viele Herren hier sind, die offenbar nicht in der Absicht gekommen sind, um die Vorlesung zu hören. Ich muss Sie als Decan auffordern, weitere Störungen der Vorlesung des Herrn Dr. Menestrina einzustellen. Ich möchte aber nicht bloß als Decan der juridischen Facultät, sondern auch als Privatmann zu Ihnen sprechen, von dem Sie überzeugt sein können, dass er für Ihre gerechten Bestrebungen und Wünsche gewiss ein Einsehen hat. Sie wollen die Vorlesungen des Herrn Dr. Menestrina verhindern. Ich glaube, Sie haben dazu weder das Recht, noch die Macht. Bedenken Sie, dass diese Verhinderung einen schweren Eingriff in die akademische Ordnung bedeutet. Sie haben aber auch nicht die Macht. Sie würden auf die Dauer doch den Kürzeren ziehen. Es scheint sich doch nur um eine Meinungsäußerung zu handeln. Diese Meinung haben Sie ausgedrückt, Sie können also ruhig nach Hause gehen. Ich möchte aber auch an Ihre Ritterlichkeit appellieren ( „ Aha! " - Rufe), versetzen Sie sich an die Stelle des Herrn Dr. Menestrina, der heute seine erste Vorlesung hält. Auch Sie können einmal in dieselbe Lage kommen.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 30. Oktober 1901, S. 4, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6859-stoerung-der-antrittsvorlesung-eines-italienischen-docenten-durch-1901).

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