Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
SCHLEIER GEHT ÜBER DIE TREPPE

Verurtheilung einer Gefangnen wegen schwerer Körperverletzung einer Barmherzigen Schwester

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 13. Jänner 1913 · Seite 7
Seine Leiche wurde geborgen. Gerichtszeitung. (Schwere Mißhandlung einer Barmherzigen Schwester in der Strafanstalt St. Martin.) Mit der Strafanstalt St. Martin bei Schwaz ist bekanntlich auch eine Korrigendenund Zwangsarbeitsanstalt für weibliche Personen verbunden. Den Auffichtsdienst in der letzteren besorgen Barmherzige Schwestern. In der Zwangsarbeitsanstalt befand sich seit dreizehn Monaten auch die 17mal abgestraste, am 31. Jänner 1887 in Santens geborene Annamaria Mayrhofer. Die Mayrhofer und der Zwängling Josefa Schatz benahmen sich am 12. November v. I. während des Gottesdienstes in der Kirche unanständig, weshalb sie von der Schwester Köberle zurechtgewiesen wurden. Die Schatz wurde daraufhin derart exzessiv, daß sie in den Arrest gesetzt wurde. Als die Köberle zurückkehrte und ersnhr, daß die Mayrhofer den Anlaß zu dem unanständigen Benehmen in der Kirche gegeben hatte, erhielt sie einen neuerlichen Verweis. Auch drohte ihr die Schwester, sie für den Fall der Wiederholung ebenfalls in den Arrest zu sperren. Dies brachte die Mayrhofer in Harnisch, sie erwiderte sie gehe freiwillig in den Arrest, man brauche sie gar nicht dorthin zu führen und belegte die Schwester mit den unflätigsten Schimpf- Worten. Als ihr auf das hin der Arrest wirklich angekündigt wurde, packte sie die Schwester Köberle, welche einen Stelzfuß (!) hat und in ziemlich hohem Alter steht, an der Brust, schüttelte sie und warf sie schließlich über die Stiege hinunter. Dort fiel sie noch über sie her und riß ihr unter Schimpf- Worten den Schleier herunter. Die Schwester erlitt durch den Sturz eine tiefe, bis. auf den Knochen gehende Wunde am Knie, die eine mehr als dreißigtägige Gesundheitsstörung zur Folge hatte und durch die Blutleere des Körpers und durch häufige Ohnmachtsanfälle infolge des großen Blutverlustes sogar lebensgefährlich wurde. Die Mayrhofer hatte sich dafür am Samstag vor dem Landesgerichte Innsbruck wegen Verbrechens der schweren Körperverletzung nach dreifacher Richtung und der Übertretung der Amtsehrenbeleidigung zu verantworten. Sie war vollkommen geständig und wurde mit Rücksicht auf bie Roheit ihrer Handlungsweise zu einem Jahre schweren Kerkers, verschärft mit zwei Fasttagen im Monate verurteilt.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 13. Jänner 1913, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/9181-verurtheilung-einer-gefangnen-wegen-schwerer-koerperverletzung-1913).

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