Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
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Seltsames Erlebnis einer Fremden in Innsbruck. Französin versucht sich am Inn zu ertränken

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 26. Juli 1913 · Seite 5
(Seltsames Erlebnis einer Fremden in Innsbruck.) Gestern abends, kurz nach 8 Uhr, wollte sich eine fremde Frau in der Nähe des Jnnfteges in der Ferdinandallee an den Inn stürzen. Sie war schon sehr weit im Wasser, wurde aber noch im letzten Augenblicke, bevor sie die Wellen mit sich rissen, von Passanten herausgeholt. Die Frau sprach kein Wort Deutsch. Als man sie auf das Hauptwachzimmer der Polizei im Rathause gebracht hatte, bat man den Direktor des Hotels „ Maria Theresia " als Dolmetsch zum Verhöre mit der Selbstmordkandidatin. Das Motiv zu dem Entschlüsse der Fremden, sich hier das Leben zu nehmen, ist höchst eigenartiger Natur. Die Frau war eine Witwe aus Frankreich die nach Rußland gereist war — über die Gründe der Reise verweigerte sie jede Auskunft — und sich wieder auf dem Heimwege befand. In ihrem Besitze fand man außer Briefschaften ein Rundreisebillet dritter Klasse von Wien nach Genf, ein russisches Bahnbillet und ungefähr 200 Franks in Gold. Die Französin schilderte ihr Erlebnis in folgender Weise: Sie wollte geraden Weges nach Genf fahren, in Innsbruck bedeutete man ihr aber, sie könne nicht mehr Weiterreisen und müsse hier aussteigen. Die Frau warchierüber sehr aufgebracht, es nützte ihr aber nichts, sie mußte in Innsbruck aussteigen. In ' der schlechtsten Stimmung Wollte sie die Intervention des ftanzösischen Konsulates anrufen, dort war aber niemand zu treffen, und da sie in Innsbruck angeblich auch kein Zimmer mehr austreiben konnte und mit der Polizei nichts zu tun haben mochte, entschloß sie sich, das Leben zu nehmen. Das Rundreisebillet der Frau war gültig, jedenfalls aber konnte sie sich auf dem Innsbrucker Bahnhofe nicht genügend verständigen, da sie kein Wort Deutsch sprach. Die unglaublichen Behauptungen der Frau sind zweifellos allesamt auf diesen Umstand zurückzuführen. Man brachte die durchnäßte Französin ins Rathaus, wo sie die heutige Nacht verbrachte und heute wird sie auf ihren Geisteszustand untersucht. Sie scheint aber vollständig normal zu sein. Auch recht resolut kann sie sein. Als man sie pudelnaß aus dem Wasser gezogen hatte, glaubten die Zeugen dieser Szene, man habe es mit einer unterstandslosen, armen Person zu tun, die aus Not den Tod suchte. Aus diesem Grunde reichte ihr ein Herr gutmütig ein Fünfkronenstück, die resolute Französin aber schlug ihm das Geldstück aus der Hand und wies auf ihre Tasche hin, wo die Goldfüchse funkelten. Die temperamentvolle Französin dürfte wohl noch heute im Laufe des Tages die Heimreise antreten können.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 26. Juli 1913, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/9409-seltsames-erlebnis-einer-fremden-in-innsbruck-franzoesin-versucht-1913).

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