Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
THAL IM BERGSTURZ-TEMPO

Bergsturz aus Karmelitergraben bedroht Kusterthal und Pusterthalbahn

Innsbrucker Nachrichten · Erscheinungsdatum: 2. September 1891 · Seite 7
" Gm Sergstnrr Keim Mardviihl im Kusterthal. Aus Lienz. 31. August, wird der „ Prefle" berichtet: Das Gebiet zwischen den Stationen Thal und Lienz der Pusterthalbahn ist durch einen Bergsturz, der aus dem Karmelitergraben am Donnerstag 2 Uhr morgens unerwartet niedergieng, arg bedroht. Der Bergsturz nähert sich immer mehr und mehr der Thalsohle und hat sie theilweise schon erreicht. Er nimmt größere Dimensionen an, als der von Kollmann und kann auch gefährlichere Consequenzen haben als dieser. Häuser und Menschen sind zwar nicht bedroht, dafür droht der Bergsturz aber das Thal vollständig abzusperren und die Drau enorm zu stauen. Der Karmelitergraben zieht sich etwa drei Kilometer lang von den Abhängen des Dabereckberges am rechten Drau - Ufer steil gegen das Draubett etwa zehn Meter breit. Am linken Ufer, in den Berg eingeschnitten, befindet sich die Straße, oberhalb derselben die Bahn, beide durch gewaltige Stützmauern einerseits gegen die Drau, andererseits gegen die rutschende Berglehne, genannt Mordbühl, geschützt. Wenn nun der Bergsturz aus dem Karmelitergraben das Draubett verlegt, ist die Gefahr für Straße und Bahnkörper eminent, das ganze Thal gesperrt, die Drau gestaut und die Folgen sind unberechenbar. Der Bergsturz trat ohne vorhergegangene Anzeichen ein. Im Karmelitergraben waren eben Arbeiter mit Wildbachverbauung beschäftigt, als sie nachts ein Krachen hörten. Sie brachten die Nachricht von der bevorst henden Katastrophe sofort nach Thal. Der Bergsturz bewegte sich am ersten Tage sehr schnell, dreißig Centimeter pro Minute. Am zweiten Tage nahm die Schnelligkeit ab, gestern, am dritten Tage, betrug dieselbe einen Meter pro Stunde. Die ersten Schuttmassen erreichten bereits Freitag die Thalsohle, wälzten sich in die Drau und drängten den Fluss auf das linke Ufer. Obwohl es am Freitag nicht regnete, kamen von oben fortwährend Nachschübe welche zugleich rechter und linkerseits am Karmelitergraben den bewaldeten Uferrand wegrissen. Bisher sind schon vier Hektare Wald abgestürzt. Die Bäume liegen größteutheils unter den Schuttmassen begraben und sind die größte Gefahr für die Verlegung des Draubettes. Die Masse, welche derzeit schon den Karmelitergraben ganz anfüllt und auf mehr als zweimalhunderttausend Kubikmeter geschätzt wird, rutscht unaufhaltsam nieder und erhält immer mehr Nachschub. Auf die Meldung von dem Bergsturz langte Forstadjunct Offer aus Brixen sofort mit Arbeitern ein und drang nicht ohne Gefahr bis zur Absturzstelle, eine Stunde steilen Weges oberhalb der
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 2. September 1891, S. 7, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5477-bergsturz-aus-karmelitergraben-bedroht-kusterthal-und-pusterthalbahn-1891).

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