Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
DIE HELDENZEIT IM REIM

Domanigs poetische Verklärung der Heldenzeit Tirols

54 thun haben. Und in der That, wir haben vollauf Grund, den Schöpfer einer Arbeit warm zu beglückwünschen, dem gelungen ist, was lang erwartet wurde und was so manchem ein Herzens wünsch gewesen. Unsere Heldenzeit hat durch Dr. Domanig eine poetische Verklärung gefunden, welche sie nach dieser Richtung hin trefflich abschließen wird. Wir sagen ausdrücklich, eine poetische Verklärung, und nicht eine Jdealisi rung. Was er geleistet, ist weit davon entfernt, einem einseitig patriotischen Zwecke zu dienen, wie er so häufig und. wo es dem guten Willen an dichterischer Gestaltungsgabe gebricht, so unglücklich erstrebt wird. Ueder die unwürdige Meinung, als habe ein Karl Domanig sich in den Dienst der Schönfärberei und Wohldienerei gestellt, ist jede Zeile erbabcn, tue er bis heute geschrieben. Ein wahrer Dichter, wie er, steht aui einer höheren Warte und hat ' S nicht norh, mittels hochtönender Phrasen zu wirken. Ihm galt es, ein historisches Drama vorzuführen, demselben eine psychologische Unterlage zu geben, die Thatsachen aber für sich sprechen zu lassen und den handelnden Gestalten den Charakter zu wahren, der ihnen zukommt. Die Typen, welche seine Dichtung aufweist, sind Menschen mit Fleisch und Blut, Alttiroler von echtester Prägung; sie wollen aber weder Tugendhelden noch mop sche Halbgötter sein. In ihnen verkörpern sich die Ideen, welche einer großen Zeit Inhalt, Richtung und Antrieb gaben. Welche kraftdurchdrungene Gestalt, dieser Kernmensch von Rinn! Eine Geistesschärfe und Geistesgegenwart, die alles Studium beschämt; eine Willensstärke, die in prometheiichem Selbstgefühl ganz und einzig auf sich beruht; eine Gcfühlswärme, die in ungebrochener Zuversicht zu Heller Begeisterung aufflamwt, und doch wieder die naive Größe der Heldenseele, welche es nicht demüthigt, von der Einfalt eines schlichten Landmädchens Rath anzunehmen Mit welcher Folgerichtigkeit ist diese eherne Gestalt aufgebaut, wie dient die leiseste Schattierung, der unscheinbarste Zug, die knappste fcenarische Anordnung dazu, sie im Lichte erscheinen zu lassen, in welches die wechselreichen Verhältnisse sie stellen! Und wie diese Figur sind alle anderen bei Domanig mit gediegener Kenntnis nicht allein des geschichtlichen Substrates, sondern auch der seelischen Impulse, durch welche die todte Masse erst Licht und Leben erhält, auf ' s sorgfältigste gemeißelt. So Pichler, Kemenater, Haspinger, Leiningen und die Frauentypen, in denen sich Zartes und Starkes in bewundernswerter Mischung vereint. Gewiss, Domanig sucht Wirkung zu erzielen, er will, wie jeder Dramatiker, Eindrücke
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 21. Dezember 1895, S. 54, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/5993-domanigs-poetische-verklaerung-der-heldenzeit-tirols-1895).

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