Zeitgenössische Originalberichte aus Nord-, Ost-, Süd- und Welschtirol
Tiroler Zeitungschronik
NACHT DER FREMDEN SEELEN

Allerseelengläubige und Bräuche in Tirol und den Nachbarlanden

Uhr vre Tobten ihren Gottesdienst halten. Da ist der Altar erleuchtet, der Priester im Messornate steht davor und in den Kirchenstühlen knieen, sitzen, beten Männer und Frauen jeden Alters, die längst die Erde verlassen haben, alles aber ist dabei still wie im Grabe. Wehe, wer diese Spukfeier nicht gleich nach Ertheilung des Segens verlässt und sein Körbchen dalässt — ihn wird die dunkle Geisterwelt fest halten. In dieser einzigen v acht dürfen die arrrnn Seelen von den Qualen des Fegefeuers ausruhen, und wenn das Morgengeläut anhebt, müssen sie wieder zurück, und darum ist die Nacht gefährlich, und kein Frommer wird es in Brügge oder Dinant unterlassen, am Abende geweihte Kerzen in seinem Hause anzuzünden und sie die ganze Nacht brennen zu lassen. Freilich wer die gespenstischen Kräfte dieser Nacht zu benutzen weiß, der ist Herr über den Spuk und kann in der Allerseelennacht so Manches erfahren und erreichen. Wer in dieser Nacht zwischen 12 und 1 Uhr eine Todtenbahre dreimal um die Kirche herumzieht, kann sich, nach einem Volksglauben, der mancherorts herrschte, wünschen, was er will, und er bekommt es. Wunderlich mischen sich bei dieser Gelegenheit im Volksgemüthe die Furcht vor den Tobten und die Pietät gegen sie, der Wunsch, ihnen Frieden und Ruhe zu schaffen. Hier und dort stellt man wohl eine angezündete, mit Butter angefüllte Lampe auf den Herd: sie soll dem armen Geiste, der aus dem Fegfeuer kommt, dazu dienen, seine Brandmale einzusalben. Auch kalte Milch mit Semmel diente ursprünglich dem Zwecke der Kühlung. An anderen Orten wird nachts eingeheizt, damit die Seelen, die die kalte Pein leiden, sich einmal wärmen können. Oder es dürfen Thüren und Fenster nicht hart zugejchlagen werden, dass keine der ab und zu fliegenden Seelen verletzt werde. Ganz besonders deutlich ist der Sinn noch heute beideuvlämischeu „ziel nlhojes ", den Seelenbrödchen. So viel Seelenbrödchen man esse, so viele Seelen erlöse man aus dem Fegfeuer — so ist in Dixmude z. B. der Glaube, und jedes verzehrte Seelenbrödchen muss darum ein Gebet begleiten. In Westflandern sieht man am Vorabend von Allerseelen neben den Hausthüren kleine Altäre auf den Straßen, darauf stehen zwischen brennenden Lichtern Madonnenbilder und Crucifixe, und die Kinder, die sie errichtet haben, bitten die Vorüberziehenden um einen Beitrag zu Kuchen für die Seelchen im Fegefeuer. Doch finden wir ganz verwandten Gebrauch auch im deutschen Lande. Die „ Seelen ", „ Seclenwecken ", „ Seelenbretzen ", „ heiligen Stritzel" u s. w. sind eine besondere Form von Weißbrödchen, die in Schwaben und Baiern, in Oesterreich, Böhmen und Tirol üblich sind und auf den gleichen Ursprung zurückgehen wie die zielendrodjes. Den übrig gebliebenen Rest der Kuchen lässt man hie und da, von Lichtern umringt, für die armen Seelen auf dem Tische stehen. Dies Gebäck, heute eine harmlose Allerseelenspeise, — was bedeutet es anderes, als ein uraltes Opfer aus dem Grabe der Abgeschiedenen. Denn es ist ja Volk glmbe von je gewesen, und ist es besonders bei ' Naturvölkern noch heute, dass die Abgeschiedenen Speise und Trank heischen von den Hinterbliebenen, und ihnen feindlich zusetzen, wenn sie dies ihr Opfer nicht finden. Darum wurden die Speisen auf die Gräber gestellt und noch die Frühchristen folgten dem Heidenbrauche, wie eine dem hl. Augustin zugeschriebene Predigt beweist, die gegen diese Sitte eifert. Mit dem Christenthume wandelte sich dann der Brauch, und soweit er nicht in die oben angedeutete Form überg ' eng, trat Almosenvertheilung an seine Stelle. Wer den Armen an diesem Tage gab, der war der Seele im Jenseits nützlich, so mar die Meinung; und noch bis zum heutigen Tage haben alte Stiftungen Almosenvertheilungen an Allerseelen erhalten. So wurden in der Stadtkirche zu Ansbach früher 450 Seelenwecken an diesem Tage unter die Armen vertheilt; und der wunderlichste Gebrauch hat sich langem dem „ Seelenbade " zu Hirschberg in Schlesien erhallen: bei dieser Gelegenheit hatten die armen Leute von 9 bis 32 Uhr vormittags das Recht, sich unentgeltlich schröpfen oder zur Ader zu lassen, worauf jeder noch mit Speise und Trank gelabt wurde.
Quellenangabe & Zitierlink:
Innsbrucker Nachrichten, 31. Oktober 1896, S. 5, digital erschlossen in: Tiroler Zeitungschronik (https://chronik.fontes.at/tirol/artikel/6094-allerseelenglaeubige-und-braeuche-in-tirol-und-den-nachbarlanden-1896).

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